Neujahrspredigt über Galater 3,26-29

Von | Januar 1, 2026

Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen. Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Je­sus. Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abrahams Nach­kom­men und nach der Verheißung Erben.

Liebe Brüder und Schwestern in Christus!

Anno Domini 2026 – im  zweitausendsechsundzwanzigsten Jahr des Herrn befinden wir uns nun; genauer: im zweitausendsechsundzwanzigsten Jahr der Ära, die ihre Jahre nach der Geburt des Herrn Jesus Christus zählt. In der ersten Zeit des Volkes Israel hat man die Jahre nach dem Auszug aus Ägypten gezählt, später, wie in der Antike allgemein üblich, nach dem Herr­schafts­beginn berühmter Monarchen. Erst im Mittelalter kam man auf die Idee, die Jahre nach dem höchsten aller Könige zu zählen, dem Herrn aller Herren: Jesus Christus. Der Mönch Dionysius Exiguus setzte im 6. Jahr­hundert eine für damalige Verhältnisse recht ge­naue Epoche der Geburt Christi an und zählte von diesem Ausgangspunkt die Jahre der christ­lichen Ära, die „anni Domini“, „Jahre des Herrn“, wie wir es heut welt­weit tun.

Das ist gut und richtig so, und darüber können wir uns freuen. Denn dem Herrn Jesus Christus ist ja alle Macht gegeben im Himmel und auf Erden, für alle Zeiten. Und Jesus Christus ist auch persönlich unser lieber Herr und Heiland. Das wird uns im heutigen Gottesdienst beson­ders vor Augen ge­führt: Wir feiern heute, zeitlich korrekt am achten Tag nach der Heiligen Nacht, das Fest der Beschneidung und Namengebung Jesu. Und wir werden mit dem Anfang des Predigttextes, der heutigen Epistel, daran erinnert, dass wir Jesus mit unserer Taufe ge­wissermaßen angezogen bekommen ha­ben und nun durch ihn Gottes Kinder sind.

Es folgt der Satz: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Auf den ersten Blick sieht dieser Satz wie eine Menschen­rechts­erklärung aus, oder wie ein Anti­diskrimi­nierungs­gesetz. Wenn da steht: „Hier ist nicht Jude noch Grieche“, dann klingt das wie: Niemand soll wegen seiner Herkunft oder Nationalität bevorzugt oder benach­teiligt werden. Wenn da steht: „Hier ist nicht Sklave noch Freier“, dann klingt das wie ein Aufruf zur klassenlosen Gesell­schaft. Und wenn da steht: „Hier ist nicht Mann noch Frau“, dann klingt das so, als sei Paulus ein Feminist oder gar ein Anhänger der Gender-Ideologie, derzufolge Men­schen nicht auf ein bestimmtes Geschlecht festgelegt werden sollen. Kurz: Was Paulus hier mit knappen Worten darlegt, klingt wie ein politisches Programm, über das man lange diskutieren könnte und über das ja auch viel diskutiert wird.

Aber handelt es sich denn wirklich um ein politisches Programm? Eher nicht. Denn derselbe Paulus, der schreibt: „Hier ist nicht Jude noch Grie­che“, der hat an anderer Stelle die Vor­zugs­­stellung der Juden gegenüber anderen Völkern betont (Römer 3,1; 9,4-5). Und derselbe Paulus, der schreibt: „Hier ist nicht Sklave noch Freier“, hat sich keineswegs für die Gleich­stellung von Dienstherren und ihren Untergebenen ausgesprochen, sondern er hat christlichen Sklaven nur geraten, sich um ihren Platz in der Ge­sellschaft keine Sorgen zu machen (1. Kor. 7,21). Und derselbe Paulus, der schreibt: „Hier ist nicht Mann noch Frau“, der hat den Frauen geboten, sich den Männern in aller Stille unter­zuordnen (vgl. 1. Tim. 2,11-12). Be­vor wir un­seren Predigttext mit modernen gesell­schaftlichen Idealen in eins setzen, sollten wir also lie­ber noch einmal genau darauf achten, was da wirklich steht. Es gilt ja ganz allgemein: Bevor man über ein Bibelwort spricht, lohnt es sich immer, noch einmal genau hin­zuschauen und dabei den engeren und weiteren Zusammenhang zu berück­sichtigen.

Zunächst einmal ist fest­zustellen, dass Paulus diesen Satz an die Adresse von Menschen ge­richtet hat, die getauft sind und die Jesus ihren Herrn nennen. Unmittelbar davor erinnert er sie daran, dass sie in der heiligen Taufe Jesus Christus „angezogen“ haben – so wie jemand ein sauberes Festgewand anzieht, das ihm soeben geschenkt wurde. Wenn es heißt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche“ und so weiter, dann meint er mit „hier“ die christliche Gemeinde. Und ent­sprechend fährt er mit der Anrede „ihr“ fort: „Denn ihr seid allesamt einer in Chris­tus.“

Weiter: Wenn es sich um eine moderne politische Aussage handeln würde, dann müsste es hei­ßen: „Ihr seid allesamt gleich“ – eben so, wie es das Gleichheits-Ideal der fran­zösischen Revolution zum Ausdruck bringt, also im Sinne von „Frei­heit, Gleichheit, Brüder­lich­keit“. Aber Paulus hat nicht geschrieben: „Ihr seid allesamt gleich“, sondern: „Ihr seid allesamt einer“ – eine einzige Person!

Das ist keine politische, sondern eine geistliche Aussage. Sie be­zieht sich auf etwas, das Paulus wenige Verse zuvor gründlich erörtert hat. Es geht darum, dass wir als Gotteskinder den Segen erben, den Gott einst Abraham verhieß. Paulus schreibt: „Nun sind die Verheißun­gen Abraham zugesagt und seinem Nachkommen. Es heißt nicht: ‚und den Nachkommen‘, als wä­ren viele gemeint, sondern es gilt einem: ‚und deinem Nachkommen‘, wel­cher ist Chris­tus.“ (Gal. 3,16) Das greift Paulus dann in unserem Text auf: „Denn ihr seid allesamt einer in Christus.“ Wir, die vielen Gotteskinder, sind nur deshalb Erben des Abrahams-Segens, weil wir Glieder am Leib des einen Erben sind, Jesus Christus! Darum schiebt Paulus auch gleich noch den Satz hinterher: „Gehört ihr aber Christus an, so seid ihr ja Abra­hams Nachkommen und nach der Verheißung Erben.“

Wir Christen sind also in Gottes Augen nicht viele unabhängige Einzel­wesen, sondern ge­wisser­maßen nur eine Person, ein einziger Organis­mus. Gott selbst hat ihn ge­schaffen, er hat uns zu Gliedern an Christi Leib ge­macht – jeden Einzelnen von uns!

Was bedeutet das praktisch für die Christenheit? Es bedeutet Zweier­lei: erstens die Einheit der Kirche, zweitens die Vielfalt der Kirche.

Gottes Wort betont hier erstens die Einheit der Kirche. Es sagt: Ihr Kinder Gottes seid ein ein­ziger heiliger Organismus. Dieser Organismus ist die „eine heilige christliche Kirche“, die wir im Gottesdienst mit unserem Glau­ben an den dreieinigen Gott bekennen. Gottes Wort sagt nicht: Ihr sollt eins sein, sondern es sagt: ihr seid eins. Die Einheit der Kirche ist also zu­nächst einmal nicht Gottes Auftrag an uns Christen, sondern Gottes Ge­schenk für uns Christen. Wir brauchen die Einheit der Kirche nicht herbei­zuführen, denn die Kirche war schon immer eins.

Wir sind allerdings auf­gerufen, die­se Einheit nun auch zu leben und zu be­zeugen. Wir sollen uns unter­einan­der darin bestärken, dass wir in Christus ein Leib sind, und wir sollen es der Welt bezeugen. Wir tun das immer dann, wenn wir zusam­men­­kommen, um gemeinsam Chris­tus zu begegnen. Das geschieht vor al­lem im Gottes­dienst: Da hören wir gemeinsam auf Got­tes Wort, so wie die Schafe auf die Stimme des guten Hirten hören. Da vereinen wir unsere Stimmen zu Lob und Anbetung. Und da empfangen wir gemeinsam das, was uns für Zeit und Ewigkeit eint: den Leib und das Blut unseres Herrn, für uns vergossen und in den Tod dahin­gegeben. „Kom­munion“ wird das Heilige Abendmahl auch genannt, auf Deutsch „Gemein­schaft“ oder „ge­meinsames Anteil­haben“.

Die Einheit des Leibes Christi zeigt sich nicht zuletzt auch darin, dass wir der Stimme unsers Herrn gehorchen und unser Leben danach aus­richten. Christus hat den Aposteln einst auf­getra­gen: „Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe“ (Matth. 28,20). Wenn wir die christliche Lehre so bewahren, befolgen und bezeugen, wie Jesus sie die Apostel ge­lehrt hat und wie sie in der Bibel auf­geschrieben ist, dann zeigt sich darin ganz herrlich die Einheit des Leibes Christi. Wo aber Christen von der Apostellehre ab­weichen und meinen, sie bräuchten für unsere Zeit eine an­dere christliche Lehre, da wird die rechte christliche Einheit verdunkelt und verleugnet.

Die Kirche als Leib Christi bedeutet aber nicht nur Einheit, sondern zu­gleich Vielfalt. An anderer Stelle hat der Apostel Paulus nämlich ausführ­lich entfaltet, dass wir an diesem Leib viele verschiedene Glieder haben mit vielen ver­schiedenen Gaben und Funktionen. Es wäre unsinnig zu behaup­ten, dass alle Glieder am Leib Christi gleich sein müssten; dann gliche die christliche Kirche ja nicht mehr einem lebendigen Organismus, sondern eher einer Kompanie willenloser Soldaten, die alle auf Kommando im Gleich­schritt marschieren. Nein, so hat der Heilige Geist es nicht gemeint, als er den Apostel Paulus schreiben ließ: „Ihr seid allesamt einer in Chris­tus Jesus.“ Zwar sind alle Glieder des Leibes gleich geliebt und gleich wertvoll in Gottes Augen, aber sie haben doch verschiedene Funktionen, für die sie auch verschieden begabt sind.

Ein Glied spielt die Orgel, ein anderes predigt, ein anderes tröstet, ein an­deres ist besonders aktiv in Für­bitte und Anbetung, ein anderes räumt auf und putzt, ein anderes macht Hand­werks­­arbeiten in der Kirche, ein anderes geht freundlich auf Gottes­dienst­­besucher zu, ein anderes führt die Ge­mein­de­kasse, ein anderes singt im Chor, ein anderes gibt besonders reich­lich von seinem Einkommen ab, ein anderes besucht Kranke und hilft ih­nen, ein anderes plant und organi­siert… Diese Liste könnte sehr lang wer­den.

Und da kommen durchaus auch natürliche Unterschiede in den Blick. Zwar spielt es in der christlichen Kirche grund­sätzlich keine Rolle, ob je­mand von Juden oder Griechen oder Russen oder Deutschen oder Iranern ab­stammt, aber es können bestimmte Begabungen mit der Nationalität zu­sammen­hängen, die für den Leib Christi nützlich sind. Besonders gilt das für die ver­schiedenen Sprachen, mit denen Gott gelobt und das Evangelium bezeugt werden kann. Zwar lehnen wir in der Kirche ebenso wie in der Ge­sellschaft jegliche Versklavung und Unter­drückung ab, aber wir müssen doch anerkennen, dass dem Leib Christi eine Struktur mit leitenden Ämtern einerseits und unter­geordneten Ämtern an­dererseits vorgegeben ist und gut tut. So hat Christus das Hirtenamt als geistliches Leitungsamt eingesetzt – aber nicht, damit dadurch andere Christen beherrscht und un­ter­drückt wer­den, sonderen als ein Dienstamt, das dem ganzen Leib zugute kommt. Zwar wurde in der christlichen Kirche schon lange vor der femi­nistischen Bewe­gung die Gleich­wertigkeit von Mann und Frau betont, aber wir ignorie­ren dabei nicht, dass es gewisse schöpfungs­mäßige Unterschiede zwischen den Geschlech­tern gibt. So hat Gott es in seiner Weisheit geord­net, dass nur Frauen Kinder zur Welt bringen und ihnen Mutterliebe schen­ken können. Ebenso entspricht es Gottes Willen, dass die Männer leitende Verant­wor­tung in Ehe, Familie und Kirche übernehmen sollen.

Erst wenn wir uns beides recht vor Augen führen, sowohl den Segen der Einheit als auch den Segen der Vielfalt im Leib Christi, verstehen wir das Gotteswort richtig: „Hier ist nicht Jude noch Grieche; hier ist nicht Sklave noch Freier; hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ Wie gesagt: Es ist keine politische Aussage, auch keine kirchen­politische Aussage, sondern es ist die Verkündigung eines wunder­baren Geschenks, das Gott uns durch Jesus Christus gemacht hat. Wenn wir dieses Geschenk dankbar annehmen und zu würdigen wissen, wird das Aus­­wirkungen auf unser Zusammen­leben haben – nicht zuletzt auch auf unser Verhältnis zu den Mitmenschen in Staat und Gesell­schaft. Wir sind uns dann nämlich bewusst, dass alle Menschen ohne Unterschied in Gottes Reich berufen sind, und alle getauften Gläubigen ohne Unterschied unsere Brüder und Schwestern in Christus sind. Weil sie in Gottes Augen alle gleich wertvoll und geliebt sind, wäre es verkehrt, wenn wir hier nach menschlichen Gesichts­punkten Abstufungen vornehmen würden. Zugleich sind wir uns aber bewusst, dass die Menschen hinsichtlich ihrer Gaben und Funktionen nicht gleich sind, auch nicht gleich sein sollen oder gleich sein können. Vielmehr soll jeder mit seinen besonderen Gaben an dem von Gott zugewiesenen Platz im Leben Christus nachfolgen und dem Vater im Him­mel dienen. Je besser uns das gelingt, desto mehr werden wir uns am Leib Christi freuen können, und werden Gott danken sowohl für den Segen der Einheit als auch für den Segen der Vielfalt. Amen.

Pfarrer i.R. Matthias Krieser