In der gegenwärtigen Diskussion um die Einführung bzw. Duldung der Frauenordination in der SELK scheinen sich sowohl Gegner als auch Befürworter auf die Autorität der Heiligen Schrift und der lutherischen Bekenntnisschriften zu berufen.
Die Befürworter der Frauenordination berufen sich formal auch auf die Schrift, um die Frauenordination zu begründen. Wenn sich Schriftstellen aber klar gegen sie aussprechen, werden diese relativiert oder sogar kritisiert. Dieses Vorgehen lässt sich auch bei anderen Themen beobachten, wo man die traditionelle Position nicht mehr teilt. Ebenso wichtig scheint aber die Berufung auf das gegenwärtige weltlich-politische Gleichheits- und Gerechtigkeitsdenken zu sein.
Den Befürwortern der gegenwärtigen Ordnung wird dagegen vorgeworfen, einen „engführenden Fundamentalismus“ und „Biblizismus“ zu betreiben.
Die folgenden Ausführungen werden einmal aufzeigen, welche außerbiblischen Begründungen herangezogen werden, um die Frauenordination zu rechtfertigen. Dann soll auch deutlich werden, wie bei den Befürwortern der Frauenordination die Autorität der Heiligen Schrift bei konkreten Auslegungen relativiert wird.
Zurückgewiesen wird die Behauptung, dass die Ablehnung der Frauenordination ein engführender Biblizismus oder Fundamentalismus ist. Vielmehr gründet sich diese Ablehnung auf ein breites Zeugnis der Schrift. Es wird auch aufgezeigt, dass recht verstandene Gerechtigkeit, Gleichwertigkeit und Freiheit sich nur dann in der Kirche finden, wenn die Autorität und das klare Zeugnis der Schrift ernstgenommen werden.
Deutlich wird auch, dass ein weltliches Denken, das die christlich-biblischen Wurzeln unserer Kultur vergisst, auf Dauer den Sinn für Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit verliert.
1. Die Berufung auf das weltlich-politische Gleichheits- und Gerechtigkeitsdenken, um die Ablehnung der Frauenordination zu hinterfragen.
In dem „Atlas zur Frauenordination“[1] wird als Argument der Befürworter der Frauenordination gegen die geltende Ordnung aufgeführt, dass die Ablehnung der Frauenordination dem Grundgesetz und der Gleichberechtigung von Mann und Frau widerspricht: „Auf allen Gebieten arbeiten die Gesetzgebung, die Parteien und die Zivilgesellschaft auf eine tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern hin (Staatsziel seit 1994, Art. 3 GG). Kirchen, die keine Frauen ordinieren, stehen nicht auf dem Fundament des Grundgesetzes.“[2]
Auf der Plattform „Mitten aus der SELK“ wünscht sich jemand eine Kirche, die sich nicht ängstlich um die Reinheit der Lehre sorgt: „Ich wünsche mir eine Kirche, die im Geist der Freiheit lebt. Nicht eine Kirche, die sich ängstlich um die Reinheit der Lehre sorgt, und sich als Opfer des Zeitgeistes stilisiert und abgrenzt.“[3]
Maßstab ist hier nicht mehr die Schrift, die uns aufruft, die rechte Lehre zu bewahren (Apg 2,42; 1. Tim 4,16; 2. Tim 3,16; 2. Joh 9, Hbr 13,9), sondern ein diffuser Geist der Freiheit.
Auf dieser Plattform bemüht immerhin ein Pastor im Ehrenamt Titus 2,5 und 1. Thess 5,21, um die Einführung der Frauenordination zu begründen, um in der liberalen Demokratie keinen Anstoß zu erregen: „Schon die ersten Gemeinden werden von Paulus ermahnt, sich so zu verhalten, dass sie in ihrer heidnischen Umwelt keinen Anstoß erregen, „damit nicht das Wort Gottes verlästert werde.“ (Titus 2,5) Sie sollen alles prüfen und das Gute behalten. (1. Thess 5,21) … Aus diesem Grund ist es meines Erachtens der SELK sogar geboten, Frauen zu ordinieren, um in einer liberalen Demokratie keinen Anstoß zu erregen, „damit nicht das Wort Gottes verlästert werde.““[4]
Ein Kommentar nimmt dieses Anliegen positiv auf und erklärt, dass die gegenwärtige Praxis nach Meinung eines Juristen verfassungswidrig ist: „Anknüpfend an Ihren Punkt, dass das Verbot der Frauenordination in der SELK im Widerspruch zur liberalen Demokratie stünde: ich kenne sogar die Meinung eines Juristen, der es in Deutschland sogar für möglicherweise verfassungswidrig (Grundgesetz Artikel 3) hält, da es – auch in der SELK – nicht eindeutig theologisch begründbar ist und damit keine Kirchenordnung rechtfertigt, die die Ordination von Frauen nicht zulässt.“[5]
Es ist erstaunlich, gerade Titus 2,5 heranzuziehen, um die Ordination von Frauen zu begründen, denn hier wird gefordert, dass „sich die Frauen den Männern unterordnen, damit nicht das Wort Gottes verlästert werde.“ Die Stelle spricht eher gegen die Ordination von Frauen und deckt sich mit dem Zeugnis von 1. Tim 2,12, wo den Frauen das Lehren untersagt wird, damit sie sich nicht über die Männer erheben. Unter diesen Gesichtspunkten kann mit dem „Guten“, das in 1. Thess 5,21 bewahrt werden soll, wohl nicht die Ordination von Frauen gemeint sein.
Man könnte aber auch vermuten, dass jener Theologe folgender Ansicht ist: „Zu Zeiten des Paulus war es anstößig, wenn sich Frauen ihren Männern nicht unterordneten, heutzutage ist dies aber gesellschaftlich fragwürdig geworden. Darum muss die Weisung in Ti 2,5 ins Gegenteil verkehrt werden.“ Diese Umkehrung widerspricht aber dem klaren Zeugnis der Schrift, weil diese Unterordnung – auch „Kephale-Struktur“ genannt – nach 1. Kor 11,1-3 und Eph 5,21-32 eine grundlegende göttliche Ordnung ist.
Man will sich zwar auf das Grundgesetz und die darin gebotene Gleichberechtigung von Mann und Frau berufen, um die Frauenordination einzufordern, aber so nimmt man nicht mehr die Autorität der Schrift ernst, die für den Bereich des Volkes bzw. der Kirche manches anders regelt, als für das Zusammenleben im Staat und der Gesellschaft üblich ist.
Etlichen christlichen Zeitgenossen fällt schwer zu akzeptieren, dass Gottes oder Jesu Denkweisen und Prinzipien nicht den unseren entsprechen. So ist das, was Jesus in manchen Gleichnissen äußert, dem modernen Gleichheits- und Gerechtigkeitsdenken fremd: z.B. das Gleichnis der anvertrauten Talente (Matthäus 25,14-30), die unterschiedlich zugeteilt werden. Auch das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20,1-16), wo alle denselben Lohn empfangen, obwohl sie unterschiedlich lange gearbeitet haben, befremdet. Ärgerlich und ungerecht kann auch das Gleichnis vom ungetreuen/klugen Verwalter (Lukas 16,1-13) wirken, wo Jesus sein betrügerisches Verhalten lobt. Von daher sollten wir unsere gegenwärtigen Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit nicht mit dem Willen Gottes gleichsetzen.
2. Die vermeintliche Bejahung der Schriftautorität, um sie durch vorherrschende Denkprinzipien zu relativieren.
Formal berufen sich auch die Befürworter der Frauenordination darauf, dass auch sie auf Schrift und Bekenntnis stehen und den Artikel 1 (2) der Grundordnung bejahen. So heißt es in der 3. These des Vereins Aufbruch SELK: „3. Wir stehen fest auf der Heiligen Schrift und dem evangelisch-lutherischen Bekenntnis, ohne biblizistischen oder fundamentalistischen Engführungen zu folgen.“ Man scheint sich hier zunächst an die Autorität von Schrift und Bekenntnis zu binden, aber schränkt diese ein, falls sich in einer enggeführten „biblizistischen“ oder „fundamentalistischen“ Weise darauf berufen wird.
In den Thesen wird nicht genauer erläutert, wie eine solche Engführung aussieht. Man kann nur aus bestimmten Behauptungen der Befürworter erschließen, was gemeint sein könnte: So heißt es in der 2. These des Vereins Aufbruch SELK: „2. Gottes Liebe gilt allen Menschen – darum braucht die Kirche Offenheit, Vielfalt und die Ordination von Frauen.“[6] Nimmt man diese These ernst, zeigt sich die Liebe Gottes vor allem darin, dass die Kirche offen und vielfältig ist und Frauen ordiniert.
Nun zeigten schon die o.a. Äußerungen jenes Pastors im Ehrenamt, wie man mit der Schrift verfährt und sie sogar gegen ihren Wortsinn auslegt. Im „Atlas Frauenordination“ wird eine Stimme der Befürworter der Frauenordination zitiert, die behauptet, dass der Apostel Paulus dem ursprünglichen Sinn von 1. Mose 3,17 nicht gerecht wird: „Zudem wird in 1. Tim 2,14 gerade nicht 1. Mose 3,17 zitiert, sondern der Text gegen den ursprünglichen Wortlaut ausgelegt: Adam kann sich in 1. Mose 3,17 gerade nicht so herausreden.“[7] In der Art und Weise, wie mit der Autorität eines Apostels Jesu Christi umgegangen wird, zeigt sich doch eine gewisse Hybris. Es mag sein, dass sich die Art und Weise der Auslegung des Apostels hier zunächst nicht erschließt, aber woher nehmen wir die Autorität und Gewissheit, dass unsere Sichtweise die bessere ist?
Leider taucht solch ein Umgang mit der Schrift immer wieder bei Theologen unserer Kirche auf, die zwar nicht ausdrücklich, aber indirekt die göttliche Autorität der Schrift hinterfragen. So konnte man in einer „Feste Burg“-Andacht lesen, in der 1. Kor 10,1-8 ausgelegt wurde: „Wir werden uns die Art und Weise, wie der Apostel Paulus hier die Schrift auslegt, nicht ohne weiteres zu eigen machen und müssen das auch nicht. ‚Sie sind alle auf Mose getauft worden in der Wolke und im Meer. Sie tranken von dem geistlichen Felsen, der ihnen folgte; der Fels aber war Christus.‘ Eine solche allegorische Auslegung scheint aus heutiger Sicht ein eigentümlicher, ja abenteuerlicher Umgang mit dem Wortlaut einer Erzählung aus dem Alten Testament.“[8] Hier wird deutlich, wie sich manche Theologen nicht unter die Schrift beugen, sondern von der „heutigen Sicht“ her entscheiden, was einsichtig und „nicht abenteuerlich“ ist. Sie machen sich selbst zum Maßstab für das, was richtig ist. Aus rein fachlicher Sicht ist es schon „abenteuerlich“, was hier vom heutigen Ausleger gesagt wird. Denn Paulus legt hier keine Allegorie, sondern eine Typologie vor. Eine Allegorie ist eine Darstellung abstrakter Begriffe oder Ideen durch konkrete Bilder, Personen oder Ereignisse (Waage für Gerechtigkeit), während Typologie eine Form der Interpretation ist, die biblische Personen, Ereignisse oder Dinge als Vorbilder (Typen) für spätere Personen, Ereignisse oder Dinge betrachtet.
3. Warum die Ablehnung der Frauenordination keinen „Fundamentalismus“ oder „Biblizismus“ darstellt.
Kommen wir nun zum indirekten Vorwurf, dass die Befürworter der gegenwärtigen Ordnung in der Gefahr stehen, „biblizistischen oder fundamentalistischen Engführungen zu folgen“.
Das Problem ist, dass die Befürworter der FO nicht definieren, was in ihren Augen „Fundamentalismus“ oder „Biblizismus“ ist.
Wie schon im vorherigen Abschnitt angesprochen, kann man nur aus bestimmten Behauptungen erschließen, was gemeint sein könnte. So lautet die 2. These des Vereins Aufbruch SELK „2. Gottes Liebe gilt allen Menschen – darum braucht die Kirche Offenheit, Vielfalt und die Ordination von Frauen.“[9] Nach dieser zeigt sich die Liebe Gottes vor allem darin, dass die Kirche offen und vielfältig ist und Frauen ordiniert.
In meinen Augen bedeutet das, dass all jene Ausleger fundamentalistisch und biblizistisch enggeführt sind, die die Heilige Schrift nicht unter diesen Voraussetzungen lesen. Nun hatte der frühere Bischof Jobst Schöne einen trefflichen Aufsatz zum Thema „Die Irrlehre des Fundamentalismus zum lutherischen Schriftverständnis“[10] verfasst.
Nach ihm zeichnet sich Fundamentalismus dadurch aus, dass er von vornherein bestimmte Grundsätze oder „essentials“ formuliert, die als unverrückbar gelten. „Insgesamt muss die Aufstellung einer solchen Liste von Lehrpunkten, die als ‚essentials‘ gelten, für geistliche Gemeinschaft und Bestimmung von Grenzen gründlich hinterfragt werden. Die Ausblendung gewichtiger Lehre und Verkündigungsinhalte gefährdet dazu das ‚sola scriptura‘ (man lässt sich vom Gegenüber, von der Situation die Lehrpunkte vorschreiben, die für entscheidend gelten). Es liegt eine Reduktion vor, und diese ist nicht nur unbiblisch, sie öffnet auch dem Einbruch falscher Vorstellungen das Tor, die dann alles, was man zu verteidigen sich bemüht, unterminieren.“[11]
Nimmt man diese Ausführungen ernst, kann man sich ernsthaft fragen, ob nicht die Vertreter des Vereins „Aufbruch SELK“ viel eher Fundamentalisten sind, da sie ohne biblische Begründung bestimmte Prinzipien aus der Liebe Gottes ableiten und die Schrift aus diesen Prinzipien heraus deuten.
Eine lutherische Schriftlehre nimmt hingegen die ganze Schrift als Wort Gottes ernst. Aber sie weiß innerhalb der Schrift zu gewichten. Nicht alle Teile sind gleichwertig oder gleichbedeutend. „Sie, die Schrift, ist viel mehr – und anders, als der Fundamentalismus das sieht – „strukturiert“, nämlich auf Christus hin. Das hat die Reformation uns neu erschlossen, mit der grundlegenden Unterscheidung von Gesetz und Evangelium.“[12] Unter diesen Voraussetzungen erfolgt die Auslegung der Schrift. „Die Schrift ist Christi Instrument zur Austeilung des Heilsgutes der Erlösung, dienendes Mittel, um seine Stimme gegenwärtig zu setzen.“[13]
In diesem Sinne lesen die Befürworter der gegenwärtigen Praxis die Heilige Schrift und ziehen ihre Konsequenzen daraus. So führen nicht allein die Aussagen von 1. Kor 14,34 und 1. Tim 2,12 dazu, das ordinierte Amt für die Frau abzulehnen. Es ist auch der Blick auf die Praxis und das Handeln des HERRN der Kirche selbst, der keine Frau in den Dienst der Zwölf oder der Siebziger berufen hat, obwohl er sich im Gegensatz zu der damaligen herrschenden Vorstellung immer wieder Frauen zugewandt hat und mit ihnen über geistliche Dinge diskutierte. Gerne wird dagegen ins Feld geführt: „Jesus selbst bzw. Engel beauftragen Frauen, den Jüngern die wichtigste Botschaft des Christentums, die Auferstehung, zu verkündigen (Matth. 28; Mk. 16; Lk. 24; Joh. 20).“[14] „Gut gebrüllt Löwe!“, möchte man zunächst darauf antworten. Aber leider wird hier nicht genau hingeschaut. An keiner Stelle wird das Wort predigen (griechisch: käryssein) oder Prediger (Käryx) für den Zeugendienst einer Frau gebraucht. Als die Frauen, die am Grabe waren, den übrigen Jüngern die Auferstehung Jesu bezeugen (Mt 28,8), verwendet der Evangelist Matthäus das Wort „apangellein“, das er auch für das Berichten der Grabwächter an die jüdischen Priester gebraucht (V. 11). Wenn man die Auferstehungszeugnisse genau liest, wird deutlich, dass nach dem Wortlaut in Mk 16,5ff ein junger Mann (neaniskos), der ein langes weißes Gewand trägt, als erster die Auferstehung bezeugt. In Mk 14,51f wird auch von einem unbekannten jungen Mann berichtet, der Jesus nachfolgte, als alle anderen Jünger geflohen waren. Als er ergriffen werden soll, kann er nur unter dem Verlust seines Gewandes fliehen. Drängt es sich hier nicht auf, jenen Auferstehungsverkünder mit dem fliehenden Jünger zu identifizieren? Laut Lk 24,4 sind es zwei Männer (aner duo), die den Frauen die Auferstehung bezeugen. Nimmt man diese Stellen wörtlich, waren die Frauen nicht die ersten, die die Auferstehung Jesu bezeugten.
Diese Beobachtungen korrespondieren mit jenen neutestamentlichen Texten wie Eph 5,21-33 und 1. Kor 11,1-16, die die sog. „Kephale-Struktur“ begründen. Der Mann ist als das Haupt der Frau gesetzt.
Die ersten Kapitel der Heiligen Schrift bezeugen klar, dass Mann und Frau vor Gott gleichwertig sind. Schön zeigt dies 1. Mo 2,23, wo Luther mit „Mann-Männin“ treffend das hebr. Wortspiel „isch“ und „ischa“ wiedergibt. Mann und Frau sind gleichen Wesens. Mann und Frau sind gemeinsam berufen, über die Schöpfung Gottes in guter Weise zu herrschen und sie zu bewahren. In dieser Zeit und Welt sind beide berufen, Leben zu spenden. Dies ist eine der Hauptberufungen von Mann und Frau und ein wesentlicher Zweck der Ehe!
Trotz dieser Gleichwertigkeit und ihrer gemeinsamen Berufungen hat jeder seine besondere Aufgabe: Der Mann ist in 1. Mose 2 und 3 primärer Gesprächspartner Gottes. So erfährt Eva das göttliche Gebot nur mittelbar durch Adam. Gott legt das Gebot in Adams Hand: „Und Gott der HERR gebot dem Menschen und sprach: Du darfst essen von allen Bäumen im Garten, aber von dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tage, da du von ihm issest, musst du des Todes sterben.“ (1. Mo 2,16f) So wird schon bei der Schöpfung deutlich, dass Gott den „Dienst am Wort“, das Hirtenamt, dem Manne überträgt. Schon der Theologe Peter Brunner hielt in Anlehnung an Luther fest: „Schon von der Paradiesgeschichte her ist Adam durch seine Stellung in der Schöpfung zum Prediger und verantwortlichen Hüter des göttlichen Wortes bestellt und nicht Eva.“[15] „Adams Altar aber und Predigtstuhl ist gewesen dieser Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, an welchen er Gott pflichtigen Gehorsam leisten, Gottes Wort und Willen erkennen und ihm danken sollte, ja Gott wider die Anfechtung anrufen sollte.“[16]
Die Frau ist aus dem Manne genommen und für ihn als Ergänzung und „Hilfe“ (1. Mo 2,18) geschaffen. Diese Beziehung ist unumkehrbar (vgl. 1. Kor 11,9[17]). „Hilfe“ darf hier nicht abwertend verstanden werden. In der Regel wird dieses Wort für Jahwe selbst gebraucht, der seinem Volk zu Hilfe eilt (Ps 115,9). Aufgabe der Frau ist es, ihn in seiner Verantwortung gegenüber Gott zu stärken oder unterstützen. Eva war nicht gerufen, gegen die Schlange zu ringen, obwohl sie sich zunächst tapfer schlug. Adam hätte vielmehr eingreifen und die Schlange abwehren müssen. Wahrscheinlich hätte er dabei sein Leben verloren, so wie es dem neuen Adam – Jesus Christus – widerfuhr, als er der Satansschlange den Kopf zertrat.
Wie die erste Frau recht gehandelt hätte, wird deutlich im Dienst der Richterin und Prophetin Debora (Ri 4,4). Obwohl sie die Gaben und Fähigkeiten hat, dass Volk allein siegreich in die Schlacht zu führen, mahnt sie den zögerlichen Barak, der schon zuvor den Befehl des Herrn empfangen hatte, seiner Berufung gerecht zu werden. Schließlich begleitete sie ihn in die Schlacht, damit er seinen Dienst tun kann. Debora erweist sich so als wahre „Hilfe“ im Sinne Gottes für Barak. Die weitere spezifische Berufung der Frau ist es, das Leben zu gebären. Dieses ist dem Mann vom Schöpfer verwehrt.
Wenn ich auf diese Art und Weise mit der Schrift die Ablehnung der Frauenordination und die Stellung von Mann und Frau vor Gott begründe, werde ich immer wieder von Befürwortern der Frauenordination angefragt, wie ich es mit anderen Dingen, wie Prophetie, Zungenrede und die Fußwaschung hielte, die auch in der Heiligen Schrift eine gewisse Bedeutung haben, aber in unserer Kirche nicht gelebt werden.
Ich antwortete einmal einem Fragenden folgendes:
„Sie sprechen auch die Prophetie, Zungenrede und die Fußwaschung an. Wir könnten in diese Reihung auch die stellvertretende Taufe für die Toten nach 1. Kor 15,29 hinzunehmen. Was die Prophetie und ihre eigentliche Funktion angeht, ist das Entscheidende im Vortrag[18] gesagt. Im Gegensatz zur Zungenrede und der Fußwaschung ist diese ein gesamtbiblisches Thema.
Bei der Klärung von Lehrfragen spielt dies eine wichtige Rolle. Die „Zungenrede“, wie sie im 1. Kor geschildert wird, ist wie die „Totentaufe“ eine „Spezialität“ der korinthischen Gemeinde. Sie ist nicht identisch mit dem Sprachwunder zu Pfingsten in Apg 2, da dieses allen Zuhörern verständlich war. Die Zungenrede bedarf dagegen der Übersetzung, wenn sie der Gemeinde zur Erbauung dienen soll (1. Kor 14,27). Ob sie mit dem erwähnten „Zeichen“ in Mk 16,17 identisch ist, erscheint mir auch fraglich. Ich würde Mk 16,17 eher mit Apg 2 in Verbindung bringen.
Die Fußwaschung in Joh 13,1-15 hat für mich da schon eine andere Gewichtung, obwohl sie im NT (1. Tim 5,10) kaum noch erwähnt wird. Sie ist eine sinnfällige Zeichenhandlung, die der gegenseitigen Liebe und Achtung in der Gemeinde Ausdruck verleihen kann.
Ich würde ihr ein Gewicht wie die Krankensalbung nach Jak 5,13-16 beimessen. Beides sinnvolle Handlungen, denen nicht das gleiche Gewicht wie die Taufe oder das Abendmahl zukommt, aber dennoch auch noch heute in der Kirche praktiziert werden können. Was die Krankensalbung angeht, geschieht dies schon seit einigen Jahren in unserer Kirche. Was die Fußwaschung angeht, könnten Freizeiten oder Tagungen ein guter Rahmen dafür sein.“
Diese letzten Ausführungen demonstrieren noch einmal, wie eine lutherische Schriftauslegung, die die Autorität der Bibel ernst nimmt, biblische Praktiken, die uns nicht vertraut oder fremd sind, verantwortlich einzuordnen weiß.
4. Von Anfang an ordnet Gott Dinge und setzt Hierarchien ein.
Aus den vorausgegangenen Ausführungen wird deutlich, dass die Befürworter sich gerne auf den „Geist der Freiheit“, Offenheit und Gleichheit berufen. Es scheinen Vorbehalte gegen verbindliche Ordnungen und Hierarchien vorzuliegen. Auch der Begriff der „Schöpfungsordnung“ wird kritisch betrachtet. So heißt es in einem Beitrag auf der Seite „Mitten aus der SELK“: „Wer weiterfragt, wird irgendwann auf die Idee der so genannten „Schöpfungsordnung“ stoßen. Dieses aus dem 19. Jahrhundert stammende theologische Konzept besagt, dass Mann und Frau zwar gleichwertig seien, aber (aufgrund des Sündenfalls und der darauffolgenden Strafen) unterschiedliche Aufgaben hätten: Der Mann führt, die Frau folgt.“[19]
Ist nun der Gedanke einer Schöpfungsordnung ein Konstrukt des 19. Jahrhunderts?
Als Jesus von Pharisäern befragt wird, ob er die Scheidung einer Ehe (Mt 19,1-12; Mk 10,1-12) bejaht, weil das Gesetz des Moses sie erlaubt, weist er diese Möglichkeit grundsätzlich zurück. Die Scheidung stellt vielmehr eine mosaische Notordnung dar, aber sie widerspricht der ursprünglichen Ordnung, die in der Schöpfung begründet ist.
„Der am Anfang den Menschen geschaffen hat, schuf sie als Mann und Frau und sprach: ,die zwei werden ein Fleisch sein.‘ So sind sie nun nicht mehr zwei, sondern ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“ (Mt 19,4-6). Hier wird deutlich, dass die Berufung auf die „Schöpfungsordnung“ in der Verkündigung Jesu selbst begründet ist. „Schöpfungsordnung“ meint nicht, dass alle Phänomene, die wir gegenwärtig in der Natur bzw. Schöpfung erleben, dem ursprünglichen Schöpferwillen entsprechen. Die gegenwärtige Schöpfung steht unter der Sünde und viele der ursprünglichen Ordnungen sind zerbrochen oder verletzt. Was unter Schöpfungsordnung zu verstehen ist, sagt uns allein die Schrift. Und so ordnet Gott von Anfang an nicht nur die Beziehung von Mann und Frau, sondern innerhalb der ganzen Schöpfung gibt es Ordnungen, Zuständigkeiten und Hierarchien.
So werden nicht nur Frau und Mann als Herrscher (hebr: „rada“) über die anderen Kreaturen gesetzt (1. Mo 1,26), sondern zuvor werden die beiden Lichter – Sonne und Mond – (1. Mo 1,16), dazu bestimmt, Tag und Nacht zu regieren (hebr.: „maschal“). Dieser Begriff „maschal“ ist interessant, weil er in 1. Mo 3,16 wieder aufgenommen wird, wo Gott die Frau auf ihr Versagen beim Sündenfall anspricht. Luther übersetzt hier „Er soll dein Herr sein!“. Wörtlich müsste übersetzt werden „Er wird über dich regieren!“. Nur so kann man auch im Deutschen erkennen, dass hier derselbe Begriff verwendet wird. In der Regel wird 1. Mo 3,16 nur als Straf- oder Fluchwort verstanden. Die Unterordnung der Frau unter den Mann wird so als Folge des Sündenfalls gedeutet. Sie gilt dann nicht als ursprüngliche „Schöpfungsordnung“. Aufgrund von Stellen wie Gal 3,28 meint man dann, dass die „Unterordnung“ der Frau durch die Erlösung in Christus aufgehoben wird. Nun zeigt aber auch der Blick auf 1. Kor 11,3 und Eph 5,22, dass die Unterordnung der Frau unter den Mann als Haupt eine Schöpfungsordnung darstellt, die das innertrinitarische Verhältnis von Vater und Sohn widerspiegelt. Vater und Sohn haben die gleiche Würde, dennoch ist der Vater das Haupt des Sohnes. Darum verstehe ich 1. Mose 3,16 eher so, dass Gott die durch den Sündenfall zerstörte Ordnung (der Mann als Haupt der Frau), wieder erneuert. Darum wird hier nicht wie in 1. Mose 1,16 „rada“ verwendet, was nicht nur „herrschen“, sondern auch „treten, niedertreten“[20] bedeuten kann. „Maschal“ hingegen bedeutet nicht nur „regieren“ oder „herrschen“[21], sondern umfasst auch die Bedeutungen „gleich sein, gleich werden“[22]. Die Wahl dieses Wortes stützt die Sichtweise, dass es hier vordringlich nicht um Strafe, sondern „Rekonstruktion“ geht. Die „Gleichwertigkeit“ der Frau wird geachtet, aber sie wird wieder in rechter Weise ihrem Haupt unterstellt.
Das biblische Schöpfungszeugnis (1. Mose 2,15-23) stellt klar heraus, dass Adam vor Eva geschaffen wurde. Auf diese dort bezeugte Ordnung bezieht sich Paulus in 1. Kor 11,8f und 1. Tim 2,13 und begründet damit die geistlichen Konsequenzen, die sich daraus ergeben. Die Hauptfunktion des Mannes und die Unterordnung der Frau gründen in der Schöpfungsordnung und erwachsen nicht aus dem Sündenfall. Um das „Regieren“ in 1. Mo 3,16 recht zu verstehen, lohnt es sich auf Mi 5,1-4 zu schauen. Dort wird das hebräische Wort „maschal“ für „herrschen“ für das Wirken des messianischen Friedensfürsten verwendet. Hier zeigt sich, dass es nicht um Unterdrückung, sondern um Aufrichtung der guten Ordnung Gottes geht, die Frieden schafft.
Da der Mann bei der Versuchung der Frau durch die Schlange nicht eingriff, hatte er seine Autorität als Haupt verspielt. Gott erneuert aber diese Autorität, weil der Mann gesamtbiblisch gesehen, „Christus bzw. Messias Repräsentant“ ist.
Aus diesen Ausführungen können wir erkennen, dass die Ordnungen und Hierarchien Gottes Strukturen des Lebens schaffen, den Frieden begründen und dem Chaos und der Willkür Einhalt gebieten.
5. Dass Gott Menschen unterschiedlich begabt und beauftragt, stellt nicht ihren Wert an sich und ihre Stellung vor Gott in Frage.
Manche verstehen die „Unterordnung“ der Frau, wie sie z.B. in Epheser 5,22-24 zum Ausdruck kommt, als eine Herabstufung oder Benachteiligung der Frau.
Dies ist ein Irrtum! Nach 1. Mo 2,18 ist die Frau dem Manne als seine Entsprechung zugeordnet. Die Frau ist vom Mann, darum ist sie ihm gleich. Erst wo Gleichrangigkeit besteht, kann von Unterordnung die Rede sein. Echte Vor- und Nachordnung, Über- und Unterordnung ist aufeinander angewiesen und weist über sich selbst hinaus auf die in Gott gesetzte Ordnung (vgl. 1. Kor 15,23: jeder in seiner eigenen ihm bestimmten Ordnung).
Aufschlussreich ist, dass die Heilige Schrift diese Ordnung für das Volk Gottes bzw. die Kirche nicht auf den Staat oder andere gesellschaftliche Ordnungen überträgt. So stellt es kein Problem dar, dass Debora als Richterin (Ri 4,4-5) agiert und somit die höchste Führungsposition im damaligen israelischen Stämmebund einnimmt. Die Königin von Saba (1. Kön 10,1.4.10; 2. Chr 9,1-12), die „malkāh“ „Königin“ genannt wird, wird als souveräne Herrscherin und Regentin dargestellt. Sie erfährt von der Weisheit des Königs Salomo, reist zu seinem Hof und schenkt ihm – überwältigt von dem, was sie sieht – Gold, Balsam, Edelsteine und Edelholz. Salomo bedankt sich großzügig. Sprüche 31,10-31 singt das Hohelied der tüchtigen Frau, die selbständig als Unternehmerin und Kauffrau agiert. Apostelgeschichte 16,11-15 führt uns die erfolgreiche Unternehmerin Lydia vor Augen, die mit Purpur handelt und einem ganzen Hause vorsteht. Obwohl sie erfolgreich im „Reiche dieser Welt“ als Chefin arbeitet und ihr Haus der erste Versammlungsort der Christen in Philippi ist, wird sie nicht zur Gemeindeleiterin berufen.
Stattdessen setzen die Apostel oder ihre Mitarbeiter hier wie in anderen Gemeinden männliche Älteste oder Bischöfe ein (Apg 14,23; 20,17.28; Phil 1,1). Dieses geschieht in Entsprechung zum Handeln Jesu, als er die Zwölf (Mt 10,1-4) berief und die Siebzig bzw. Zweiundsiebzig (Lk 9,1.16) aussandte. Als der Zwölferkreis nach der Himmelfahrt ergänzt wurde, kam auch nur einer der nachfolgenden Männer[23] infrage. Diese Ordnung spiegelt sich auch in Zeugnissen der frühen Kirche wider, wie es der 1. Brief an die Korinther des Clemens Romanus belegt. Er schrieb seinen Brief wohl um das Jahr 90 n. Chr.. Wenn die Datierung des Lukasevangeliums auf das Jahr 80 zutrifft, berührt sich die Entstehung beider Schriften sehr eng. Wie schon zu Paulus Zeiten ging es in Korinth hoch her. Vor allem um das geistliche Amt wurde gestritten. Clemens ermahnt die Korinther mit folgenden Worten: „Auch unsere Apostel wussten durch unsern Herrn Jesus Christus, dass es Streit geben würde um das Bischofsamt. 2 Aus diesem Grunde nun setzten sie, da sie genauen Bescheid im Voraus erhalten hatten, die oben Genannten ein und gaben dabei Anweisung, es sollten, wenn sie stürben, andere erprobte Männer deren Dienst übernehmen.“ (1. Clem 44,1-2)
Clemens sagt hier sehr deutlich, dass es Auseinandersetzungen um das Hirtenamt geben würde.
Jesus hat seine Apostel darauf vorbereitet und ihnen darum die Weisung gegeben, erprobte Männer als Bischöfe einzusetzen. Nun ist dieser Brief des Clemens nicht Gottes Wort. Er zeigt aber sehr deutlich auf, wie in zeitlicher Nähe zum Neuen Testament die Weisungen der Apostel zum Hirtendienst verstanden und umgesetzt wurden.
Das Hirten- oder Predigtamt ist eben nicht ein weltlicher Beruf, wo man das Gleichheitsdenken anwenden kann, sondern es ist eine göttliche Stiftung und Ordnung. Hier haben allein die Weisungen der Heiligen Schrift ihr Recht.
6. Dass Gott Menschen in unterschiedlicher Weise begabt und beauftragt, spiegelt etwas von seinem Wesen als dreieiniger Gott wider.
Die Beziehung zwischen Mann und Frau spiegelt aufgrund ihrer Gottesebenbildlichkeit das Wirken der Trinität wider. In der Trinität wirken alle drei Personen an allen Werken mit, aber an bestimmten Stellen nimmt eine der Personen die Hauptverantwortung wahr. So sind der Vater und der Geist durchaus am Kreuzesgeschehen beteiligt, aber die Hauptlast trägt der Sohn. Bei der Schöpfung hat der Vater den Vorrang, aber auch der Sohn und der Heilige Geist sind beteiligt. Zu Pfingsten übernimmt innerhalb der Trinität der Heilige Geist die Federführung.
Auf Mann und Frau übertragen heißt das: Beim Werden des Menschen trägt die Frau die Hauptlast, aber der Mann hat auch seinen Anteil daran. Laut Luther ist der Mann der „Hüter des Wortes“ und wurde schon im Paradies mit dem Predigtamt betraut. Das schließt aber nicht die recht verstandene Beteiligung der Frau daran aus. Sie kann aber in dieser Sache nicht federführend sein.
7. Auch das weltliche Denken, das sich nicht explizit auf Gottes Offenbarung beruft, kennt keine absolute Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit.
Einige Befürworter der Frauenordination[24] berufen sich gerne auf die „liberale Demokratie“ und das Grundgesetz und erwecken den Eindruck, als gäbe es in dieser Welt Räume, wo es so etwas wie „absolute Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit“ gibt oder es zumindest Fortschritte gibt, die darauf hinsteuern: „Was gut ist, sieht jede Zeit anders, und ich glaube, hier gibt es, was die Achtung und Würde des Menschen betrifft, durchaus Fortschritte: Abschaffung der Sklaverei und Rassentrennung, Stellung von Frau und Kinder in der Gesellschaft, Anerkennung und Gleichbehandlung geschlechtlicher Orientierungen etc.“[25] Solchen Entwicklungen soll die Kirche nachstreben und sie in ihren eigenen Reihen umsetzen. Nun ist die Kirche – wie gesagt – an das gebunden, was Gott ihr in der Heiligen Schrift und durch Jesus Christus offenbart. Darum muss sie prüfen, was an solchen Entwicklungen für ihr Leben sinnvoll und vor Gott gerechtfertigt ist.
Dann muss aber beachtet werden, dass es absolute Gerechtigkeit, Gleichheit und Freiheit selbst in einer „liberalen Demokratie“ nicht gibt. Auch hier gibt es notwendige „Hierarchien“ und Ordnungen, die ein verträgliches Miteinander regeln und ermöglichen. Alle Bürger unseres Staates sind vor dem Gesetz gleich und besitzen die gleiche Würde. Aber obwohl die Bürger den Staat überhaupt bilden, hat der Einzelne kein Recht, Steuern einzuziehen oder Polizeigewalt auszuüben. Mag der Staat sich – berufend auf das Allgemeinwohl – stark verschulden, hat der einzelne Bürger noch lange kein Recht dazu.
Vordringlich geht es bei „Gleichheit“ in unserem Staat – wie schon angemerkt – um die „Gleichbehandlung“ vor dem Gesetz. Diese Gleichheit bedeutet aber noch lange nicht, dass man auf allen Gebieten gleichgestellt ist und Rechte beanspruchen kann, die einem nicht zustehen. Dies grenzt auch die Freiheit meines Handelns ein.
Um ein Beispiel zu nennen: Ich kenne etliche Menschen, die einen „grünen Daumen“ haben, obwohl sie keine gärtnerische oder landwirtschaftliche Ausbildung haben. Manche dieser Leute können sogar mehr als manche Profis oder führen sogar als Unternehmer einen Gartenbaubetrieb, dennoch dürfen sie sich nicht als „Gärtner“ bezeichnen oder gar Leute in diesem Beruf ausbilden. Dazu bedarf es einer ordentlichen Gärtnerlehre bzw. für weitere Aufgaben einen Meisterkurs. Deshalb müssen solche Leute, wenn sie diese Qualifikation nicht haben, einen Fachmann beschäftigen, um Lehrlinge ausbilden zu können. Ohne Fachausbildung ist es auch untersagt, bestimmte Arbeiten (Pflanzenschutz) durchzuführen.
Aus diesen Gründen ist die Berufung auf die Freiheits- und Gleichheitsgrundsätze der „liberalen Demokratie“ für das Handeln der Kirche fragwürdig.
8. Nur die Wege und Ordnungen Gottes gewähren dem Menschen wirklich dauerhaft Würde und Freiheit.
Oft wird in der heutigen Gesellschaft der Eindruck erweckt, als wenn die Ordnungen, die auf Gottes Willen beruhen, den Menschen einschränken oder unterdrücken. Bevor ich meine eigenen Ausführungen darlege, möchte ich den durchaus kirchenkritischen Schriftsteller Heinrich Böll zitieren: „Ich überlasse es jedem einzelnen, sich den Alptraum einer heidnischen Welt vorzustellen oder einer Welt, in der Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: den Menschen in die Hände des Menschen fallen zu lassen. Nirgendwo im Evangelium finde ich eine Rechtfertigung für Unterdrückung, Mord, Gewalt; ein Christ, der sich ihrer schuldig macht, ist schuldig. Unter Christen ist Barmherzigkeit wenigstens möglich, und hin und wieder gibt es sie: Christen; und wo einer auftritt, gerät die Welt in Erstaunen. 800 Millionen Menschen auf dieser Welt haben die Möglichkeit, die Welt in Erstaunen zu setzen. Vielleicht machen einige von dieser Möglichkeit Gebrauch. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.“[26]
Für Böll steht fest, dass nur durch die Wahrung von Werten, die aus der christlich-biblischen Überlieferung fließen, wirkliche Schutzräume für die Schwachen und Unterdrückten geschaffen werden.
Blickt man dagegen auf neuere gesellschaftliche Entwicklungen, die vermeintlich Gleichheit und Freiheit sichern wollen, sich aber von diesen Grundlagen lösen, gehen Würde, Freiheit und Gerechtigkeit verloren.
So sehen trans*, intergeschlechtliche und nicht-binäre Personen das am 1. November 2024 in Kraft getretene Selbstbestimmungsgesetz (SBGG) in Deutschland als großen Fortschritt an, um ihre Rechte und Freiheit zu sichern.
Eine einfache Erklärung beim Standesamt genügt, ihren Geschlechtseintrag und Vornamen durch eine einfache Erklärung zu ändern. Es sind keine ärztlichen Atteste nötig. Die Eigenwahrnehmung zählt. Nach einer Änderung gilt eine einjährige Sperrfrist für eine erneute Änderung. Das Ausspähen oder Veröffentlichen des früheren Namens/Geschlechts gegen den Willen der Person ist verboten. Das Gesetz zielte darauf ab, die Selbstbestimmung und Menschenwürde zu stärken, indem die personenstandsrechtliche Änderung entbürokratisiert wird.
Schon bevor das Gesetz in Kraft trat, wurde sogar von UN-Experten darauf hingewiesen, dass dieses Gesetz gerade gegenüber Frauen Gefährdungen und Nachteile nach sich zieht.
„Eine UN-Expertin[27] hat das am 1. November in Kraft tretende Selbstbestimmungsgesetz, mit dem Menschen in Deutschland ihren Geschlechtseintrag leichter ändern können, kritisiert. Die Sonderberichterstatterin zum Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen, Reem Alsalem, sieht Gefahren für Frauen und Mädchen. Das Gesetz beeinträchtige die Sicherheit, die Privatsphäre und andere Menschenrechte von Frauen und Mädchen, insbesondere von denen, die von männlicher Gewalt betroffen sind, so Alsalem. Dem Gesetz zur Geschlechterselbstbestimmung fehlten die notwendigen Schutzmaßnahmen, um einen Missbrauch des Verfahrens durch Sexualstraftäter und andere Missbrauchs- und Gewalttäter zu verhindern. Ihre Sorge bezieht sich auf Frauenhäuser, gemeinsame Toiletten oder Umkleideräume.“[28]
Die Absurdität dieses Gesetzes wurde deutlich, als der Rechtsextremist Sven Liebrich[29] einen solchen Geschlechtseintrag und Namenswechsel vornahm, um seine Haftstrafe in einem Frauengefängnis absitzen zu können.
Man könnte auch überlegen, wie es um den Schutz des ungeborenen Lebens in unserer Gesellschaft bestellt ist. Um die Selbstbestimmungsrechte von Frauen zu sichern, wird der Schutz der Wehrlosesten aufgehoben. Man gibt ihnen keine Chance, überhaupt ins Leben zu treten, um ihre „Gleichheitsrechte“ wahrzunehmen und ihre Freiheit auszuleben. Man möge mich an dieser Stelle recht verstehen. Wenn das Leben einer Mutter gefährdet ist, muss notgedrungen auf den Schutz des ungeborenen Lebens verzichtet werden. Grundsätzlich aber gilt, dass das Leben beider zu bewahren ist.
Wenn man sich aber vor Augen führt, dass im Jahre 2023 in Deutschland 106.218 Schwangerschaftsabbrüche[30] gegenüber 693.000 Geburten[31] durchgeführt wurden, lässt dies einem den Schreck in die Glieder fahren. Vor allem, wenn man bedenkt, dass Deutschland eines der wohlhabendsten Länder der Welt ist und ein gut funktionierendes Sozialsystem hat.
Solche Entwicklungen hängen aber wahrscheinlich damit zusammen, dass der Einfluss christlich-biblischer Werte in unserer Gesellschaft abnimmt. Schon der Mitgliederverlust der beiden großen Kirchen lässt darauf schließen: „Der Anteil der Kirchenmitglieder an der Gesamtbevölkerung der BRD hat sich in den letzten fünfzig Jahren von über 90 % auf 45 % halbiert, während sich der Anteil der konfessionsfreien von unter fünf auf fast 50 % verzehnfacht hat.“[32]
Und innerhalb der großen Kirchen wirken – wie in der SELK – Kräfte, die die biblischen Weisungen und Ordnungen relativieren.
Es geht nicht darum, einen christlichen Gottesstaat zu errichten oder abzusichern. Es zeigt sich leider, dass, wo die christlich-biblischen Werte ihren Prägeeinfluss verlieren, wahre Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit schwinden.
Pfarrer i.R. Andreas Volkmar
Quelle Beitragsbild: Erstellt mit ChatGPT (Sprachmodell GPT-5.3, OpenAI, 2026).
[1] Atlas zur Frauenordination. Papier zur Diskussion über die Frage nach der Ordination von Frauen in der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK); hrsg. vom 14. Allgemeinen Pfarrkonvent der Selbständigen Evangelisch- Lutherischen Kirche (SELK) – Hofgeismar 2022
[2] Atlas-Frauenordination, S. 21
[3] https://mitten-aus-der-selk.de/ich-wuensche-mir-eine-kirche (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[4] Uwe Nold, (https://mitten-aus-der-selk.de/keinen-anstoss-erregen) (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
Pastor im Ehrenamt
[5] Rainer Glathe (https://mitten-aus-der-selk.de/keinen-anstoss-erregen) (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[6] https://frauenordination.de/wp-content/uploads/2025/11/251124-Agenda-Aufbruch-SELK.pdf (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[7] Atlas-Frauenordination, S. 9
[8] Stefan Förster, Feste Burg Andacht zum 08.07.2024
[9] https://frauenordination.de/wp-content/uploads/2025/11/251124-Agenda-Aufbruch-SELK.pdf (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[10] J. Schöne, Die Irrlehre des Fundamentalismus zum lutherischen Schriftverständnis, in: J. Schöne, Botschafter an Christi Statt. Versuche, Gr. Oesingen 1996, S. 83-93
[11] J. Schöne, S. 85
[12] J. Schöne, S. 91
[13] J. Schöne, S. 92
[14] https://mitten-aus-der-selk.de/scheidung (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[15] P. Brunner, Das Hirtenamt und die Frau, in: Pro ecclesia I, Berlin und Hamburg 1962; S. 330
[16] Walch I2, Zeile 115, Ab 58; III, 63 + 89
[17] „Und der Mann ist nicht geschaffen um der Frau willen, sondern die Frau um des Mannes willen.“
[18] „Unmittelbar und nicht durch die Apostel oder ihre Beauftragten wird der prophetische Dienst gesetzt. Männer und Frauen können ihn ausüben. Seine Aufgabe ist vor allem Aufdeckung und Überführung von Sündern (vgl. 1. Kor 14,24). Ebenso kann er auf kommende Gefahren hinweisen (Apg 11,28: Agabus; 21,10), Gottes Trost in Anfechtungszeiten zusprechen (Apg 15,32: Judas u. Silas) und zum Missionsdienst motivieren (Apg 13,1).“
[19] https://mitten-aus-der-selk.de/wie-ein-kind (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[20] רדה, I Verb qal treten; herrschen — tread; rule.
Verb hi niedertreten lassen — cause to tread down.
H. J. Bosman, R. Oosting, und F. Potsma, Wörterbuch zum Alten Testament: Hebräisch/Aramäisch-Deutsch und Hebräisch/Aramäisch-Englisch (A Hebrew/Aramaic-English and Hebrew/Aramaic-German Lexicon of the Old Testament) (Deutsche Bibelgesellschaft, 2009).
[21] II Verb qal herrschen; befugt sein — have dominion; be entitled.
Verb hi herrschen lassen, herrschen — cause to rule, exercise dominion. H. J. Bosman, …
[22] Verb ni gleich sein, gleich werden — represent, be like. H. J. Bosman,
[23] „So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und aus gegangen ist 22 – von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde –, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.“ Apg 1,21-22.
[24] vgl. Uwe Nold, (https://mitten-aus-der-selk.de/keinen-anstoss-erregen) Pastor im Ehrenamt (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[25] Ders. (Grammatikfehler aus der Quelle übernommen) (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[26] H. Böll, in: Karlheinz Deschner (Hrsg.) „Was halten Sie vom Christentum? 18 Antworten auf eine Umfrage“, München 1957, S. 21-24.
[27] Die Jordanierin Alsalem ist vom UN-Menschenrechtsrat als Expertin für das Thema Gewalt gegen Frauen und Mädchen berufen worden. Sie ist unabhängig von den Vereinten Nationen und informiert den Menschenrechtsrat bei Bedarf zu dem Thema. Alsalem kritisiert an dem Gesetz auch, dass Mädchen schon mit 14 ohne Einverständnis ihrer Eltern ihr Geschlecht ändern können, wenn ein Gericht zustimmt.
[28] https://rsw.beck.de/aktuell/daily/meldung/detail/geschlechtseintrag-menschenrechtsexpertin-kritik-selbstbestimmungsgesetz (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[29] https://www.bild.de/politik/inland/selbstbestimmungsgesetz-sorgt-fuer-chaos-kritik-waechst-693feae651bc29ca6d7a383c (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[30]https://www.springermedizin.de/schwangerschaftsabbruch/schwangerschaftsabbruch/schwangerschaftsabbrueche-in-deutschland-ergebnisse-der-bundesst/50351264 (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[31] https://jugendhilfeportal.de/artikel/zahl-der-geburten-im-jahr-2023-auf-niedrigstem-stand-seit-2013 (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
[32] https://de.wikipedia.org/wiki/Religionen_in_Deutschland (Zuletzt aufgerufen am 19.03.2026)
