Das „Evangelium“ und/oder Gottes Wort

Von | Mai 29, 2026
materielles und formales Prinzip

Der nachfolgende Beitrag ist eine Übersetzung eines Artikels von Pastor Dr. Matt Anker, dem Präses der Lutheran Mission – Australia, welche sich aus Bekenntnisgründen (Frauenordination) von der „Lutheran Church of Australia“ gelöst hat.

Auf meinen Reisen durch Australien in meiner neuen Rolle als Präses der Lutheran Mission – Australia (LMA) begegne ich häufig zwei Reaktionen. Erstens ein Gefühl der Erleichterung und der Freude, dass „endlich etwas getan wird“.

Zweitens Enttäuschung angesichts der Aussicht auf eine Spaltung in Kreisen der Lutheran Church of Australia (LCA) – angesichts der traurigen Realität, dass Familien, Freundschaften und Gemeinden auseinanderbrechen könnten. Um solchen Schmerz zu vermeiden, argumentieren die Menschen: „Wir sind uns alle über das Evangelium einig. Warum können wir nicht auf dieser Grundlage vereint bleiben und trotz unserer Unterschiede als eine Kirche weitermachen?“ Ich kann diese Reaktion nachvollziehen. Vor allem von Lutheranern. Wir schätzen das Evangelium zu Recht. Schließlich sind wir Erben Luthers, der der Kirche zur Zeit der Reformation das wahre, biblische Evangelium der Erlösung allein aus dem Glauben und allein durch die Gnade zurückgegeben hat.

Doch direkt unter der Oberfläche dieser Denkweise verbirgt sich eine grundlegend wichtige Annahme. Nämlich, dass jede theologische Aussage auf der Grundlage der Antwort auf die Frage akzeptiert oder abgelehnt werden sollte: „Was hat das mit der frohen Botschaft des Evangeliums zu tun?“ Diese Denkweise verengt die Bibel auf das Evangelium (im engeren Sinne der Rechtfertigung).

Diese an sich gut gemeinte Denkweise setzt, wenn die Kirchen über ihre Lehren und Praktiken entscheiden, „das Evangelium“ (im engeren Sinne) als letzte Autorität der Heiligen Schrift fest. Sie stellt im Wesentlichen das so verkürzte „Evangelium“ anderen Schriftaussagen entgegen und erlaubt, jene Teile der Bibel zu ignorieren, die nicht gefallen – die für irrelevant für das Evangelium (im engeren Sinn) gehalten werden.

Eine entscheidende Frage, die sich hier stellt, ist also, was unter „dem Evangelium“ zu verstehen ist. Wenn Menschen das Wort „Evangelium“ verwenden, können sie eine Vielzahl von Dingen meinen. Manche meinen vielleicht: „Jesus nimmt dich an, so wie du bist.“ Andere meinen vielleicht: „Christen sollten liebevoll, tolerant, akzeptierend und inklusiv sein“ – dass dies das Evangelium sei. Christen sollten diese vier Eigenschaften zeigen – und viele andere, wie ihr Kreuz auf sich zu nehmen, ihren Feinden zu vergeben, für den Glauben zu leiden, Gott zu preisen und Christus nachzufolgen und nicht den Götzen der umgebenden Kultur. Doch sobald wir Wörter wie „sollten“ verwenden, haben wir Forderungen. Wir befinden uns im Bereich der Gebote und des Gesetzes, nicht bei den Gaben des befreienden Evangeliums. Außerdem: Auch wenn Jesus die Menschen so akzeptiert, wie sie sind, lässt er sie nicht dort stehen. Denken Sie an die Verwandlung des Saulus von Tarsus in den Apostel Paulus, denken Sie an die Frau, die beim Ehebruch ertappt wurde und der gesagt wurde: „Geh hin und sündige nicht mehr“ (Joh 8,11). Das Evangelium beinhaltet Gottes Handeln, es tötet (die alte Eva) und schenkt neues Leben (in Christus). Das Kommen der frohen Botschaft stand im Mittelpunkt des Todes und der Auferstehung Jesu, des Sohnes Gottes und unseres Erlösers. Das neue Leben wurde erst durch ihn ermöglicht.

Das Evangelium, wie es von den vom Herrn inspirierten Propheten und Aposteln definiert wurde, ist das leuchtende Juwel unseres christlichen Glaubens. Martin Luther bekannte dies schon zu Beginn der Reformation. Er schreibt in den 95 Thesen: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“ Dennoch ist „das Evangelium“ (im engeren Sinne der Vergebung und Erlösung) nicht die Antwort auf jede theologische Frage und jede Lehrmeinung; genauso wenig wie „Jesus“ die Antwort auf jede Frage ist, die während einer Kinderandacht gestellt wird.

Welches Verständnis vom Evangelium man auch immer im Sinn hat, eine nur auf das Evangelium (im engeren Sinne) verengte Denkweise ist für das konfessionelle Luthertum nicht akzeptabel. Konfessionelle Lutheraner bekennen, dass die Heilige Schrift die höchste Autorität für die Kirchen ist, wenn diese ihre Lehre und ihre Praxis festlegen. Im historischen Luthertum wurde dies mit dem formalen und dem materiellen Prinzip beschrieben. Das formale Prinzip legt fest, dass die Lehre allein durch das Wort Gottes bestimmt wird. Das materielle Prinzip lenkt unseren Blick auf die zentrale Lehre des christlichen Glaubens, dass wir allein aus Gnade durch den Glauben an Christus allein gerettet werden.

Als die Lutherische Kirche von Australien gegründet wurde, äußerten sich die beiden vorherigen Synoden, die sich zusammenschlossen, in den Thesen der Übereinkunft 1.5 eindeutig zu dieser Frage, wo es heißt:

Wir glauben, dass das formale und das materielle Prinzip nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen, denn die Heilige Schrift ist das Wort Christi und sie bezeugt ihn. Treue zu Christus erfordert Treue zu seinem Wort, und Treue zur Heiligen Schrift erfordert Treue zu Christus, seiner Person, seinem Werk und seinen Gnadenmitteln. Wir dürfen das materielle Prinzip nicht auf Kosten des formalen Prinzips betonen oder umgekehrt. Sich vereinigende Kirchen sollten ihr Treueversprechen sowohl gegenüber Christus als auch gegenüber seinem Wort ablegen (vgl. Eph 4,1–16).

Das bedeutet, dass wir das Evangelium (im engeren Sinne) nicht dazu benutzen dürfen, eine klare Lehre der Schrift außer Kraft zu setzen. Ein Gebot des Herrn bleibt ein Gebot des Herrn, auch wenn wir als sein Volk leben, dem vergeben wurde und das erlöst ist.

Ich habe zuvor darüber gesprochen, wie die Verengung des Evangeliums es Menschen ermöglicht, jene Teile der Bibel zu ignorieren, die ihnen nicht gefallen, wenn sie diese als irrelevant für das Evangelium erachten. Zwei Beispiele veranschaulichen diese Möglichkeit. Die Schrift lehrt – vielleicht am deutlichsten in Epheser 5 –, dass Ehefrauen und Ehemänner komplementäre Rollen in der Ehe haben. Dies ist heute eine unpopuläre Ansicht, und viele Gemeindeglieder möchten diese biblische Lehre über Komplementarität ignorieren. Aus einer auf das Evangelium verengte Sichtweise heraus können Menschen argumentieren: „Es hat keinen Einfluss auf das Evangelium, also steht es uns frei, diese biblische Lehre zu ignorieren.“ Wenn man dies tut, stellt man das formale und das materielle Prinzip gegeneinander; man spielt (den vergebenden) Christus gegen die Schrift aus.

Gleichgeschlechtliche Beziehungen liefern ein zweites Beispiel. Viele, vielleicht sogar die meisten Australier erkennen gleichgeschlechtliche Partnerschaften als moralisch gleichwertig mit heterosexuellen an. Sie sprechen oft davon, wie tief engagiert und liebevoll solche Beziehungen sind oder sein können. Da also „Jesus die Menschen so akzeptiert, wie sie sind“ und „Christen liebevoll, tolerant, akzeptierend und inklusiv sein“ sollen, sollten Kirchen gleichgeschlechtliche Beziehungen und „Ehen“ akzeptieren und tolerieren und sie sogar segnen. Schließlich kann man aus einer verengten Sichtweise auf das Evangelium argumentieren, dass das Evangelium davon unberührt bleibt. Tatsächlich kann man noch weiter gehen und behaupten, dass das Akzeptieren und Segnen solcher Beziehungen diesen Paaren das “Evangelium” bringt (wenn auch eines der Inklusion und Akzeptanz – nicht der Erlösung). Hier kommen wieder das formale und das materielle Prinzip ins Spiel. Die Treue zu Christus verlangt von uns, seine Lehre anzunehmen, dass die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau besteht (Mt 19,4–6). Da gleichgeschlechtliche Beziehungen nirgendwo in Gottes Wort gelobt werden (eher das Gegenteil), verlangt die Treue zur Heiligen Schrift, dass Kirchen nicht lehren, dass gleichgeschlechtliche Beziehungen von Gott gebilligt werden.

Alles, was in der Heiligen Schrift offenbart ist, ist das Wort Gottes und maßgebend für den christlichen Glauben und das christliche Leben, auch wenn es nicht ausdrücklich die frohe Botschaft der Erlösung ist. Wenn bekennende Lutheraner in der Heiligen Schrift etwas vom Herrn hören, das schwer zu akzeptieren oder schwer zu verstehen ist, verwerfen sie Gottes Wort nicht mit der Behauptung, „es habe nichts mit dem (vergebenden) Evangelium zu tun“. Mit dem von Gott gegebenen Vertrauen in das offenbarte Wort Gottes unterwerfen sie sich der Schrift. Die Bibel hat das letzte Wort bei der Offenbarung des Willens Gottes – denn „die Schrift kann nicht gebrochen werden“ (Joh 10,35).

Möge unser barmherziger Herr uns gnädig sein und uns helfen, aus den Sünden unserer Vergangenheit zu lernen, als wir Gottes Wort ignoriert haben. Möge er uns davor bewahren, alles auf „das (vergebende) Evangelium“ zu reduzieren, und uns den Willen geben, Christus und seinem Wort treu zu sein und ein einfaches „Amen“ zur Autorität der Schrift und zu dem einen, vertrauenswürdigen Erlöser zu sagen, den die Bibel verkündet.

Bemerkungen:

1. Die in Klammern gesetzten erläuternden Zusätze stehen so nicht im englischen Text des Autors, welcher am 24.08.2024 hier veröffentlicht wurde.

2. Die Reformatoren und die Bekenntnisschriften haben den Begriff “Evangelium” in zweifacher Weise verwendet.  Einmal im Sinne des materiellen Prinzips (engerer Sinn der Gnade und Vergebung), der prägnant durch Joh 3,16 zusammengefasst wird, ein anderes Mal im Sinne “der ganzen Lehre Christi” (FC II. Pars. Sol. Declaratio, Art. V, Ziffern 3-6, 22).
Wie Matt Anker ausführt, wird der Begriff heute von liberalen Christen oft noch in einem weiteren, bibelfremden Sinne eines “sozialen Evangeliums” gebraucht. Laut CA VII ist es genug für wahre Einigkeit, wenn das “Evangelium” rein verkündet und die Sakramente einsetzungsgemäß verwaltet werden. Nicht notwendig ist es dagegen, in menschlichen Traditionen übereinzustimmen. Hier wird also die Lehre der Bibel menschlichen Traditionen gegenübergestellt, nicht das Evangelium im engeren Sinne dem Gesetz. Dass CA VII das Evangelium im weiteren Sinn im Blick hat, kann man auch aus der Apologie zur CA erkennen, wo Justus Jonas “doctrina evangelii” einfach mit “Gottes Wort” statt “Evangelium” übersetzt (Apol CA, Art. VII, De Ecclesia, Ziffer 5).
Im gleichen Sinn können wir auch in der Konkordienformel lesen: „Solchergestalt werden die Kirchen von wegen Ungleichheit der Zeremonien, da in christlicher Freiheit einer weniger oder mehr derselben hat, einander nicht verdammen, wenn sie sonst in der Lehre und allen ihren Artikeln auch rechtem Gebrauch der heiligen Sakramente miteinander einig sind“ (FC SD Art X, 31).

3. In der SELK gilt: In Entsprechung zu Art 1 GO wird mit Art 2 (2) jede Lehre verworfen, die gegen die Heilige Schrift – mit der ganzen Lehre Christi (Evangelium im weiten Sinne) – und gegen die lutherischen Bekenntnisse verstößt. Eine Duldung von Verstößen und eine Union entgegenstehender Lehren wird ausgeschlossen. Nach Art 2 (1) GO kann auch nur mit solchen Kirchen Kirchengemeinschaft gepflegt werden, die sich in gleicher Weise an Schrift und Bekenntnis binden.

4. Das Beitragsbild zum materiellen und formalen Prinzip der Reformation ist KI-generiert und wurde erstellt mit ChatGPT / OpenAI, Bildmodell ChatGPT Images 2.0. Manuell geprüft und redaktionell bearbeitet.