Rezension eines veröffentlichten 28 Seiten umfassenden Vortrags von Pfr. Dr. Stefan Felber, der auf seiner Internetpräsenz abrufbar ist. Diese Veröffentlichung eines Pfarrers aus der Landeskirche, der seit 2022 den Gemeindehilfsbund leitet, ist aufschlussreich und lesenswert.
Abschnitt 1 (Seiten 1 – 18): Zur Geschichte
Pfr. Dr. Felber stellt zu Anfang sehr umfangreich die „Geschichte der Frauenordination im 20. Jahrhundert“ dar. Es überrascht zu erfahren, dass die ersten zwei Frauen 1918 in der Schweiz zur Pfarrerin ordiniert worden sind. In Deutschland legte unter dem Dekanat Adolf Harnacks die erste Frau 1920 ein theologisches Fakultätsexamen ab und ab 1927 konnten Frauen auch ein kirchliches Examen ablegen und als Vikarin Zuarbeiterin und Unterstützerin des Pfarrers werden. Zur Predigt und Sakramentsverwaltung waren sie selbstverständlich nicht befugt. Ihre Aufgaben wurden in einem individuellen Vertrag festgelegt. Ein Muster eines solchen Vertrages ist aufgeführt. Außerdem wurde den Vikarinnen Ehelosigkeit auferlegt, was erst in den frühen 1960er Jahren aufgehoben wurde.
Da in der Zeit des 2. Weltkrieges viele Pfarrer im Kriegseinsatz waren, erweiterten sich in der Praxis die Tätigkeitsfelder der Vikarinnen. Zur Einführung der Frauenordination sah man aber keinen Anlass. Aus Protest ordinierte 1943 Kurt Scharf, der Präses der Bekennenden Kirche Berlin-Brandenburg, zwei Frauen ohne Beschränkung zum Pfarramt. Das blieb bis in die 1960er Jahre eine Episode. Doch auf gesellschaftlichen Druck im Rahmen der 68er-Bewegung begann die innerkirchliche Diskussion über die Frauenordination. Die Theologin und Politikwissenschaftlerin Eva Senhaas-Knobloch führt aus: „Theologische Argumentationen spielten bei den Befürwortern der Frauenordination keine Rolle. Das könnte darauf zurückzuführen sein, dass ganz allgemein exegetische und dogmatische Überlegungen zu Resultaten der Einschränkung oder vollen Ablehnung führen.“
Auch die Entwicklungen in anderen Ländern werden aufgezeigt und der 1. Abschnitt wird mit einer chronologischen Tabelle abgeschlossen, wann in den einzelnen Kirchen die Frauenordination eingeführt wurde.
Abschnitte 2 und 3 „Folgen und gegenseitig verstärkende Verflechtungen“ und „Wohin sind wir unterwegs?“ (Seiten 19 – 24)
Diese Abschnitte führen zum Kern der theologischen Auseinandersetzung über die Frauenordination. Folgende Zitate: „Die zur Selbstverständlichkeit gewordene Frauenordination ist ein Bruch mit einer über 1900jährigen geistlichen Tradition, und wenn man das Alte Testament mit seinem männlichen Priestertum hinzuzählt, ein Bruch mit einer 3000jährigen Tradition.“
„Natürlich ist nicht jede Pfarrerin eine dezidierte Feministin, vielleicht nicht mal die Hälfte von ihnen.“ Dazu schrieb aber Ernst Zuther 1996: “Kirchliche Frauenverbände und -arbeit werden – mit wenigen Ausnahmen – feministisch bestimmt. Es fehlt in der evangelischen Kirche nicht mehr viel, um „Frau“ und „Feministin“ als identisch zu verstehen.“ Felber weiter: „Auch die lesbische Frauenbewegung ist untrennbar damit verbunden.“ Er führt als Beispiel eine gemeinsame Doktorarbeit von Monika Barz und Herta Leistner von 1993 an: „Aus der Nicht-Existenz auftauchen – Der Beitrag von Tagungsarbeit zum Identitätsbildungsprozess lesbischer Frauen in der Kirche“. Ihr Einsatz für Lesben wurde mit Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. „Der Betreuer ihrer Doktorarbeit war Helmut Kentler (gest. 2008), Sozialpädagogikprofessor und Haupttrommler für den Wechsel von der bibelorientierten zur emanzipatorischen Jugendarbeit, gern gesehener Redner in evangelischen Akademien.“ Er war bekennender Homosexueller und, wie sich nach seinem Tod herausstellte, in umfangreiche pädophile Skandale (Odenwaldschule) verstrickt. „Eine gegenseitige Verstärkung ist auch beim Verhältnis zum politischen Feminismus festzustellen.“ „Beispiele: Fristenlösung bei der Abtreibung (Rosenheimer Synode 1989), „Ehe für alle“.“ Daraus folgt nach Felber eine „schwache bzw. fehlende Apologetik gegenüber Homo- und Genderbewegungen. Welche ordinierte Pfarrerin wagt es eigentlich, diesen Tendenzen entgegenzutreten?“
„Es ist zwar, isoliert betrachtet, richtig zu sagen, die Frauenordination sei keine heilsentscheidende Frage, doch immer, wenn Zeitgeist und Heiliger Geist nicht unterschieden werden, öffnet sich die Tür und die kalte Luft der Machtfrage strömt herein. „Was könnte ich, aber darf ich nicht?“ ersetzt dann das dankbar staunende „Gott, ich danke dir dafür, was du mir alles gegeben hast!“ Allerdings gilt die Anfrage auch in umgekehrter Richtung: auch wer konservativ denkt, muss prüfen, ob er nicht den Zeitgeist der Vergangenheit für normativ erklärt.“
„Wollen wir uns bei der egalitären Bewegung unserer Umwelt anschließen, die Gleichberechtigung und Selbstverwirklichung verspricht, aber Scheidungen, Kindstötungen, einsame Kinder und eine außer Rand und Band gekommene Genderbewegung hervorgebracht hat? Wollen wir die Vermännlichung der Frau und die Verweiblichung der Männer fördern? Haben wir noch Kraft zur Verteidigung? Oder machen wir lieber unseren Frieden mit der Welt?“
4. Abschnitt „Hilfsfragen für die Unterscheidung des Dienstes von Frauen und Männern in der Gemeinde“ (Seiten 25 – 27)
Zitate:„Die Unterscheidung zwischen einem von der Gemeinde her begründeten Hirtenamt und einem repräsentativen bzw. von Christus her begründeten Hirtenamt“ (vgl. z.B. Übersicht von Pfarrer Dr. Werner Neuer).
„Wir sollten uns hüten zu sagen, dass Gott außerstande wäre, den Dienst einer Pfarrerin segnen zu können. Doch wenn wir einmal solchen Segen feststellen, darf dies nicht zu einer Rechtfertigung der Frauenordination als Dauereinrichtung führen. Es gilt nicht, was wir uns mithilfe unserer Erfahrung erdenken, sondern Gottes Wort.“
„Mein Doktorvater (Reinhard Slenczka) schrieb einmal schneidend: Verstehen wir die Heilige Schrift als kultur- bzw. religionswissenschaftliches Dokument, dann wird das Interesse sich auf die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse im Laufe der Geschichte richten, und das jeweilige menschliche Verhalten wird dann zum Maßstab der Beurteilung. Erkennen wir hingegen in der Heiligen Schrift Gottes Wort, seinen Willen und sein Wirken, dann haben wir es mit Gottes Werk als Schöpfer und Erhalter zu tun, und das betrifft die Grundlage für alles, was ist und geschieht.“
Pfarrdiakon Detlef Löhde
Das Beitragsbild zeigt Pfarrer Dr. Stefan Felber beim Kongress des Gemeindehilfsbundes in Krelingen und wird hier mit seiner Erlaubnis verwendet.
