Das klare Zeugnis des Neuen Testaments

Von | Mai 18, 2024
Das klare Zeugnis des NTs vom Ursprung der kirchlichen Dienste

 

Das klare Zeugnis des Neuen Testamentes vom Ursprung der kirchlichen Dienste

Zwei Vorbemerkungen:

Zu Beginn meines Vortrages stelle ich zwei Zitate voran, die verdeutlichen unter welchen Voraussetzungen meine Ausführungen stehen.

Zunächst ein Wort aus dem Lukasevangelium, dass nach Auffassung vieler Ausleger um das Jahr 80 n. Chr. verfasst wurde. Ich persönlich bin der Meinung, dass es vor dem Jahr 70 verfasst wurde, das ist aber heute nicht unsere Frage.

Jesus Christus sagte zu den 70 bzw. den 72 Jüngern, die er aussandte und in besonderer Weise bevollmächtigte:

„Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“ (Lk 10,16)

An dieser Stelle wird klar und deutlich, dass jene, die im Auftrag des Herrn ausgesandt und bevollmächtigt sind, ihn repräsentieren.

Wer diese Sendung und Vollmacht nicht hat, kann ihn nicht repräsentieren.

Das andere Zitat stammt von Clemens Romanus aus seinem 1. Brief an die Korinther, der seinen Brief um das Jahr 90 n. Chr.  geschrieben haben soll. Wenn die Datierung des Lukasevangeliums auf das Jahr 80 zutrifft, berührt sich die Entstehung beider Schriften sehr eng. Wie schon zu Paulus Zeiten ging es in Korinth hoch her. Vor allem um das geistliche Amt wurde gestritten.

Clemens ermahnt die Korinther mit folgenden Worten: „Auch unsere Apostel wussten durch unsern Herrn Jesus Christus, dass es Streit geben würde um das Bischofsamt. 2 Aus diesem Grunde nun setzten sie, da sie genauen Bescheid im Voraus erhalten hatten, die oben Genannten ein und gaben dabei Anweisung, es sollten, wenn sie stürben, andere erprobte Männer deren Dienst übernehmen.“

(1. Clemensbrief 44,1-2)

Clemens sagt hier sehr deutlich, dass es Auseinandersetzungen um das Hirtenamt geben würde. Jesus hat seine Apostel darauf vorbereitet und ihnen darum die Weisung gegeben, erprobte Männer als Bischöfe einzusetzen.

Nun ist dieser Brief des Clemens nicht Gottes Wort. Er zeigt aber sehr deutlich auf, wie in zeitlicher Nähe zum Neuen Testament die Weisungen der Apostel zum Hirtendienst verstanden und umgesetzt wurden.

I. Vom rechten Umgang und Verstehen der Heiligen Schrift (Hermeneutik)

  1. Wie die Klarheit der Heiligen Schrift wahrzunehmen ist!

Lutherische Theologie geht von der Klarheit der Schrift in den entscheidenden Fragen der Lehre und des Handelns aus.

Sowohl in der Vergangenheit wie auch in der Gegenwart wurde und wird von unterschiedlichen Seiten behauptet, dass sich unmittelbar aus dem NT keine eindeutige Ämterstruktur erheben ließe.

Der erste Blick scheint dieses zu bestätigen. Anscheinend wird keine übereinstimmende und klare Lehre über das geistliche Amt dargelegt.

Dieser Sachverhalt trifft aber nicht nur auf diese Lehrfrage zu. Das NT bietet zunächst zu keinem wesentlichen Lehrpunkt der Kirche eine Darlegung im Sinne einer Dogmatik an.

Das NT entfaltet vielmehr einmal in einer erzählenden Darstellung der Geschichte Jesu und der frühen Gemeinde, was wesentlich für die Existenz der Kirche Jesu Christi ist. Dazu treten situationsbezogene Briefe oder Schreiben, die Lösungen für anstehende Probleme bieten.

2. Die Alternative: Diastase (Auseinandertreten) oder Synopse (Zusammenschau)!

Es bieten sich folgende Alternativen an, um diesem Sachverhalt zu begegnen. Einmal können wir ein mehr oder weniger starkes Auseinandertreten bzw. eine Diastase der neutestamentlichen Schriften feststellen, die es unmöglich macht, verbindliche Lehre überhaupt mittels der Schrift festzustellen. Tun wir dies, müssen wir uns vom reformatorischen Schriftprinzip verabschieden und einen anderen Weg zur Urteilsfindung gehen.

Der andere Weg ist die Zusammenschau, die Synopse. Bei aller unterschiedlichen Akzentuierung, welche die neutestamentlichen Schriften bieten, halten wir fest, dass sie in den wesentlichen Lehr- und Glaubensfragen übereinstimmen und eine klare Orientierung bieten.

Auch bei einer diastatischen Betrachtung des NT können wir festhalten, dass wichtige Schriften des NT davon ausgehen, dass Jesus die Kirche gewollt und ihr ihre Ämter und Dienste gegeben hat. Vor allem das Doppelwerk des Lukas und die sog. Pastoralbriefe, die auf Paulus zurückgeführt werden, bieten eine Sicht kirchlicher Ämter und Dienste, die diesem Bild entsprechen.

Ein genauerer Blick auf die anderen neutestamentlichen Schriften zeigt, dass bei aller unterschiedlichen Begrifflichkeit auch dort Ämter und Dienste beschrieben werden, die sich als Institution Gottes oder Christi verstehen.

II. Das neutestamentliche Zeugnis

  1. Ein Überblick über die Dienste!
  1. Apostel/ Kreis der Zwölf

Definition: Apostel bedeutet wörtlich „Gesandter“. Beim Evangelisten Lukas ist dieser Titel auf den Kreis der Zwölf beschränkt (Apg 1,21), die Jesus schon zu seiner irdischen Wirksamkeit berufen hat bzw. die Zeugen seines Wirkens von der Taufe bis zur Auferstehung gewesen sind. Im Vollsinn als Apostel wird auch Paulus geachtet, der nach Apg 9 unmittelbar vom erhöhten Herrn berufen wurde. In den anderen Schriften des NT ist diese Bezeichnung weiter gefasst und kann weitere Personenkreise erfassen, die im Auftrag der Kirche gesandt werden.

  1. Jesus ist Apostel!

„Darum, ihr heiligen Brüder, die ihr teilhabt an der himmlischen Berufung, schaut auf den Apostel und Hohenpriester, den wir bekennen, Jesus, …” (Hebr 3,1)
„Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.” (Joh 20,21)

  • Die Zwölf sind Apostel!

„Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Gewalt und Macht über alle bösen Geister, und dass sie Krankheiten heilen konnten, 2 und sandte sie aus, zu predigen* das Reich Gottes und die Kranken zu heilen. 10 Und die Apostel kamen zurück.“ (Lk 9,1-2 +10)

  • Apostel sind entsandte Brüder der Gemeinden!

„Es sei nun Titus, der mein Gefährte und mein Mitarbeiter unter euch ist, oder es seien unsere Brüder, die Abgesandte der Gemeinden sind …“ (2 Kor 8,23)

  • Junia / Junias ein(e) Apostel(in)!?
    Römer 16,7 ist die einzig mögliche Stelle, wo eine Frau als „Apostel“ bezeichnet werden könnte: „Grüßt Andronikus und Junias, …, die berühmt sind unter den Aposteln und schon vor mir in Christus gewesen sind.“ Die Bedeutung dieser Stelle ist nicht klar. Wahrscheinlich ist „Junias“ eine „Junia“! Mit „berühmte Apostel“ könnten aber auch Mitarbeiter gemeint sein, die den Aposteln gut bekannt waren. „Im zweiten Fall genießen sie hohes Ansehen bei den Aposteln; so wird episemos mit »bei« (para) in Justin, 2. Apologie 12,5 verstanden.“[1] An keiner anderen Stelle werden Frauen als „Apostel“ bezeichnet.
  • Propheten

Definition: Propheten sind in der Bibel nicht jene, die vordringlich in die Zukunft schauen, sondern auf Gottes Willen in Krisen hinweisen und zur Umkehr rufen.

  1. Jesus ist ein Prophet!

„Da nun die Menschen das Zeichen sahen, das Jesus tat, sprachen sie: Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll. ” (Joh 6,14)

  • Die Apostel sind keine Propheten!

An keiner Stelle im NT werden Apostel als Propheten bezeichnet. Diese Dienste unterscheiden sich!

  • Frauen wirken im Neuen Testament als Prophetinnen!

„Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuels, aus dem Stamm Asser; die war hochbetagt. “ (Lk 2,36)

„Der (Philippus) hatte vier Töchter, die waren Jungfrauen und weissagten. “ (Apg 21,9); vgl. 1. Kor 11

  • Bischöfe und Älteste

Definition: Bischof bedeutet „Aufseher“ und ein „Ältester“ ist ein „Presbyter“, aus dem später der Begriff „Priester“ abgeleitet wurde. Im NT stehen beide Begriffe gleichberechtigt für die frühen Gemeindeleiter. Mal wurden sie als Älteste bezeichnet, dann an anderen Stellen als Aufseher.

a.  Jesus Christus ist der Bischof seiner Kirche!

„Denn ihr wart wie die irrenden Schafe; aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.“ (1. Petr 2,25)

b. Die Apostel sind Bischöfe und Älteste

„Denn es steht geschrieben im Psalmbuch: ‚Seine Behausung müsse wüst werden, und sei niemand, der darin wohne‘, und: ‚Sein Bistum empfange ein anderer.‘“ (Apg 2,20; Luther 1912; ESV = „office“; 1. Tim 3,1 „office of overseer“)

„Die Ältesten unter euch ermahne ich, der Mitälteste und Zeuge der Leiden Christi, der ich auch teilhabe an der Herrlichkeit, die offenbart werden soll.“ (1. Petr 5,1)

  • Bischöfe und Älteste werden als Gemeindeleiter eingesetzt!

„In jeder Gemeinde bestellten sie durch Handauflegung Älteste und empfahlen sie mit Gebet und Fasten dem Herrn, an den sie nun glaubten.“ (Apg 14,23, wörtl. Übersetzung)

„So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat“  (Apg 20,28)

  • Frauen werden nicht als Bischöfe oder Älteste eingesetzt!

An keiner Stelle im NT werden Frauen als Bischöfe oder Älteste eingesetzt. Denkbar ist aber im NT, dass Frauen an der Unterweisung von Leuten, die öffentlich Christus bezeugten, beteiligt waren. (παρρησιάζομαι parrēsiazomai). So wird Apollos in Apg 18,26 gemeinsam von Aquila und Priszilla unterwiesen (ἐκτίθημι ektithēmi; ἐξέθεντο).

  • Prediger/ Botschafter / Herold

Definition: Die griechischen Worte für Prediger lauten „Kärüx“ und für predigen „kärüssein“. Diese Worte zeigen an, dass hier in einer besonderen Vollmacht gesprochen wird, wie es dem Dienst eines Botschafters oder antiken Herolds entspricht.

a. Jesus Christus ist der erste Prediger der Kirche!

„Seit der Zeit fing Jesus an zu predigen: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ (Matth 4,7)

b. Die Apostel sind die von Jesus beauftragten Prediger!

„Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Gewalt und Macht über alle bösen Geister, und dass sie Krankheiten heilen konnten, 2 und sandte sie aus, zu predigen das Reich Gottes und die Kranken zu heilen. 10 Und die Apostel kamen zurück.“ (Lk 9,1-2 +10)

  • Frauen werden im NT nicht mit dem Dienst des Predigens betraut!

Frauen bezeugen im NT zwar den auferstandenen Christus (Lk 24,10), aber mit dem Dienst des Predigens oder dem Dienst am Wort werden sie nie betraut.

Dagegen heißt es über die Bischöfe: „Ein Bischof halte sich an das Wort der Lehre, das gewiss ist, damit er die Kraft habe, zu ermahnen mit der heilsamen Lehre und zurechtzuweisen, die widersprechen.“ (Tit 1,9)

  • Diakone

Definition: „Diakon“ bedeutet Diener.  Diakonie bezeichnet einmal die grundsätzliche Bereitschaft, der Gemeinde und der Kirche zu dienen.

Dann kennzeichnet es einen Dienst, der sich um die sozialen und diakonischen Belange der Gemeindeglieder kümmert. Er soll die „Diener“ entlasten, die mit der Wortverkündigung und der Lehre beauftragt sind (vgl. Apg 6,4).

  1. Jesus Christus ist der Urdiakon der Kirche!

„Denn wer ist größer: der zu Tisch sitzt oder der dient? Ist’s nicht der, der zu Tisch sitzt? Ich aber bin unter euch wie ein Diener.“  (Lk 22,27)

  • Die Apostel sind Diakone!

„Sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten …“ (2. Kor 6,4)

„Herr, der du aller Herzen kennst, zeige an, welchen du erwählt hast von diesen beiden, 25 damit er diesen Dienst und das Apostelamt empfange, das Judas verlassen hat, … “ Apg 1,24–25

  • Bischöfe und Älteste sind keine Diakone mehr!

Umfasst das Apostolat ursprünglich noch den diakonischen Dienst, so findet in der späteren Zeit eine Differenzierung dieser Dienste statt. Bischöfe und Älteste stehen im Dienst der Wortverkündigung, Diakone übernehmen die Liebesdienste der Gemeinde.

  • Frauen dienen im Neuen Testament als Diakone!

„Dort machten sie ihm ein Mahl und Marta diente ihm; Lazarus aber war einer von denen, die mit ihm zu Tisch saßen.“ (Joh 12,2)

„Ich empfehle euch unsere Schwester Phöbe, die Dienerin der Gemeinde von Kenchreä.“ (EÜ Röm 16,1)

Die Übersetzung Luther 84 in Römer 16,12 „Persis, …, die sich viel gemüht hat im Dienst des Herrn“ ist nicht korrekt, da nicht wie in 16,1 von Diakonia bzw. Diakonos die Rede ist. Luther 2017 übersetzt besser „viel gearbeitet im Herrn“.

  • Hirten/ Pastoren

Definition: Das Wort „Pastor“ ist lateinisch und bedeutet Hirte. Schon im Alten Testament wird dieses Wort für die Dienste verwendet, die das Volk Gottes geistlich versorgen und schützen sollen (Vgl.  Hes 34,5).

  1. Jesus Christus ist der erste Hirte der Kirche!

„Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“ (Joh 10,11)

  • Die Apostel sind von Jesus eingesetzte Hirten!

„Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer!“ (Joh 21,15)

  • Frauen werden im NT nicht mit dem Dienst des Hirten betraut!

Frauen arbeiten verantwortlich in den Gemeinden mit (vgl. Röm 16,1-16), aber nie werden sie mit dem Hirten- oder Weidedienst beauftragt.

Über die Ältesten heißt es aber: „Die Ältesten unter euch ermahne ich …: 2 Weidet die Herde Gottes, die euch anbefohlen ist; achtet auf sie.“ (1. Petr 5,1–2)

  • Schlussfolgerungen aus dem Überblick
  • Obwohl viele fähige und glaubensstarke Frauen Jesus begleiteten oder in den frühen Gemeinden mitwirkten, wird einer Frau im NT nie der Hirten- oder Weidedienst übertragen. Nur Jesus selbst (Joh 10,11), die Apostel (Joh 21,15), die Ältesten (1. Petr 5,2) und die Bischöfe (Apg 20,28) stehen als Männer im Hirten- oder Weidedienst.
  • Nie hat Jesus eine Frau in den Kreis der „Zwölf” (Mk 6,7.12; Lk 9,1-2.10) oder als „Siebziger” (Lk 10,1-2) berufen und ausgesandt.
  • An keiner Stelle wird das Wort predigen (griechisch: käryssein) oder Prediger (Käryx) für den Zeugendienst einer Frau gebraucht.
  • Als die Frauen, die am Grabe waren, den übrigen Jüngern die Auferstehung Jesu bezeugen (Mt 28,8), verwendet der Evangelist Matthäus das Wort „apangellein“, das er auch für das Berichten der Grabwächter an die jüdischen Priester gebraucht (V. 11). Wenn man die Auferstehungszeugnisse genau liest, wird deutlich, dass nach dem Wortlaut in Mk 16,5ff ein junger Mann (νεανίσκον) als erster die Auferstehung bezeugt. In Lk 24,4 sind es zwei Männer (ἄνδρες δύο).

e.         Laut Apg 1,15-26, wo ein Nachfolger für Judas Iskarioth gefunden werden muss, umfasst das Apostolat die Augenzeugenschaft von Jesu Taufe bis zu seiner Auferstehung, den Bischofsdienst und das Diakonat. Frauen waren mit Gewissheit Augenzeugen. Dennoch kamen nur die Männer Matthias und Barsabas für diesen Volldienst in Frage: „So muss nun einer von diesen Männern, die bei uns gewesen sind die ganze Zeit über, als der Herr Jesus unter uns ein- und ausgegangen ist 22 – von der Taufe des Johannes an bis zu dem Tag, an dem er von uns genommen wurde -, mit uns Zeuge seiner Auferstehung werden.” (Apg 2,21f )

f. Weiter ist zu beobachten, dass an keiner Stelle im Neuen Testament eine Frau den Dienst eines Ältesten (Presbyters) oder Bischofs wahrnimmt.

g. Laut Luther[2] ist der Mann der „Hüter des Wortes“ und wurde schon im Paradies mit dem Predigtamt betraut. Das schließt aber nicht die recht verstandene Beteiligung der Frau daran aus. Die Gestalt der Heiligen Schrift verdeutlicht dies in guter Weise. Keines der neutestamentlichen oder alttestamentlichen Bücher wurde von einer Frau verantwortet, trotzdem ist in einzelnen Büchern die Stimme der Frauen zu hören: in Lukas 1,46-56 der Lobgesang der Maria;  in 2. Mose 15,21 der Lobgesang der Mirjam, Moses Schwester; in 1. Samuel 2,1-10 der Lobgesang der Hanna; in 2. Könige 22,14-20 das Wort der Prophetin Hulda an den König Josia und den Hohenpriester Hilkija, das aufruft, mutig die Erneuerung des Gottesdienstes durchzuführen, obwohl das Gericht Gottes nicht abgewendet werden kann.

3. Das lukanische Doppelwerk als Grundzeuge für die Institution von Amt und Kirche

Das lukanische Doppelwerk stellt das Entstehen neutestamentlicher Dienste und Ämter folgendermaßen dar:

a. Die ursprüngliche Sendung der 12 Apostel und ihre Vollmachten

Jesus setzt während seiner irdischen Wirksamkeit die 12 Apostel ein, die bevollmächtigt werden, zu predigen, zu heilen und böse Mächte zu binden, und sendet sie aus (Lk 9,1-6).

Nach ihrer Rückkehr beauftragt Jesus sie, die 5000 zu speisen (Lk 9,10.13). Ähnlich bezeugen die Speisung durch die Apostel auch die anderen Evangelien: Mk 6,30.37; Mt 14,19 („Jünger“); Joh 6,12).

Nach dem „Gleichnis des treuen und klugen Verwalters“ (Lk 12,42f) sind die Apostel die Haushalter (oivkono,moj = „oikonomos“) und Knechte (dou/loj; „doulos“), die Christus „eingesetzt“ (katasth,sei= = „katastäsei“) hat, damit sie die „Verpflegungsration“ (sitome,trion = „sitometrion“) austeilen.

b. Die Sendung der 70/72 und ihre Vollmachten – Ein „Ältestendienst“?

Eine ähnliche Bevollmächtigung erfahren vor der Kreuzigung und der Auferstehung weitere 70 bzw. 72 Jünger, die Jesus „aussendet“ (Lk 10,2), weil es an Erntearbeitern mangelt. Diesen Jüngern spricht Jesus ausdrücklich zu:Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat.“ (Lk 10,16) Ausleger weisen darauf hin, dass dies an die Berufung der 70 „Ältesten“ durch Mose erinnert: „Die Zahl »siebzig« hat eine besondere Bedeutung. Sie entspricht nämlich den siebzig Ältesten, die Mose bei seiner Aufgabe unterstützten (2. Mo 24,1; 4. Mo 11,16ff.). Ebenso wie der erste Mose hat Jesus als der zweite Mose die »Siebzig eingesetzt« oder »ernannt«. Das sollte ein Signal an die Öffentlichkeit sein, dass jetzt der zweite Mose, der in der Bibel verheißen ist (vgl. 5. Mo 18,15ff. mit Joh 5,46), erschienen und damit das messianische Zeitalter angebrochen ist.“[3]

c. Die Sendung der 12 Apostel und ihre Vollmachten nach der Auferstehung Jesu

Nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu muss zunächst der Kreis der Apostel ergänzt werden, weil Judas abgefallen war (Apg 1,15-26), obwohl er ursprünglich das „Los dieses Dienstes“ (klh/ron th/j diakoni,aj = „kläron  täs diakonias“) empfangen hatte (vgl 1. Chron 24,5, wo die Priester ausgelost werden (diei/len auvtou.j kata. klh,rouj = „dieilen autous klärous“). Aus dem Kreis der Männer und Brüder soll einer bestimmt werden, der seine Nachfolge antritt. Augenzeugenschaft (V. 21), Episkope (V. 20), Diakonia (V. 25) und Sendung (V. 25 = Apostolat) zeichnen diese Aufgabe aus.

Bei der Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten veranlasst der Apostel Petrus (Apg 2,38) die Taufe der Gläubig Gewordenen.

Folgendes Fazit lässt sich bisher festhalten:

Jesus hat während seiner irdischen Wirksamkeit die 12 Apostel und die „Siebziger“ bevollmächtigt und ausgesandt. Ihre Bevollmächtigung und ihre Aufgaben unterscheiden sich im Wesentlichen nicht. Es gibt auch keine zeitliche Begrenzung für den Dienst der „Siebziger“. Die Aussendung der Siebzig erinnert an die Ältesten, die in alttestamentlicher Zeit Mose unterstützen sollten. Der Dienst der Siebziger wird in der Apostelgeschichte nicht mehr explizit erwähnt.

Der Dienst der Apostel umfasst folgende Elemente: Sendung, Heroldschaft oder Predigtdienst, Augenzeugenschaft, Diakonia (Liebesdienst), Douleia (Knechtsdienst unter Christus), Didaskale (Lehrvollmacht), Episkope (Aufsicht), den Heildienst. Sie sind eingesetzt, um das Volk Gottes zur rechten Zeit mit Speise zu versorgen. Sie veranlassen die Taufe.

d. Die Berufung und der Dienst der sieben „Diakone“

Die Apostel leiten zunächst die Urgemeinde (vgl. Apg 4,35). Neben der Verkündigung sind sie für die Verwaltung der Finanzen und die Versorgung der Bedürftigen (Apg 6,1) zuständig. Nachdem der letztgenannte Dienst (Handreichung) in eine Krise gerät, werden sieben Männer zu diesem Dienst unter Handauflegung und Gebet (Apg 6,3.6) eingesetzt (katasth,somen = „katastäsomen“). Die Apostel sollen für den Dienst am Wort und das Gebet (Apg 6,4) frei sein.

Selbst Exegeten wie  E. Lohse, die in Apg. 6 nicht das „Diakonat“ begründet sehen,  geben zu, dass „die alte Kirche übereinstimmend in den Sieben das Vorbild für das Diakonenamt gefunden [hat]“[4] Einige der sieben „Diakone“ werden dann aber auch predigen (Apg 8,5) und öffentlich für den Glauben zeugen (Apg 7). Den Heiligen Geist unter Handauflegung können sie allerdings nicht spenden (Apg 8,15).

Philippus kann nach Apg. 8,7 sogar böse Geister austreiben. Aber ihm ist nicht die Vollmacht gegeben, unter Handauflegung den Geist zu spenden. Und im Gegensatz zu Simon Magus versucht er diese Vollmacht weder mit redlichen noch unredlichen Mitteln zu erlangen. Apostel und Presbyter haben dagegen diese Vollmacht (vgl. 1. Tim 4, 14; 2. Tim 1,6).

e. Die Berufung und der Dienst der Ältesten

In Apg 15 werden neben den Aposteln parallel Älteste (Apg 15,6.22-23) erwähnt. Die erste Nennung von Jerusalemer Ältesten erfolgt in Apg 11,30. Die meisten Ausleger sehen in ihnen eine von den Aposteln unabhängige Gruppe, die an der Leitung der Jerusalemer Gemeinde beteiligt sind. Die Ältesten könnten eine eigenständige Gruppe gewesen sein.  Finden sich hier vielleicht die vorösterlichen „Siebziger“ wieder (Lk 9,1; 10,2) Auffällig ist aber, dass sie nicht nur die Jerusalemer Gemeinde führen, sondern an der Leitung der gesamten Kirche beteiligt sind. Ich halte es aufgrund anderer neutestamentlicher Stellen, wo Apostel als Älteste (1. Petr 5,1; 2. Joh 1; 3. Joh 1) bezeichnet werden, ebenso für denkbar, dass mit dieser Doppelbezeichnung ein und derselbe Personenkreis bezeichnet wird. Später wird Lukas auch die Bischöfe von Ephesus als „Älteste“ bezeichnen (Apg 20,17.28). Auch hier liegt eine Doppelbezeichnung für eine Aufgabe vor. Wichtig für das lukanische Zeugnis ist, dass „Älteste“ sowohl Ortsgemeinden wie auch die Gesamtkirche leiten können.

Lukas bezeugt auch, dass „Apostel“ (Apg 14,4.14.23) in jeder Gemeinde Älteste unter Handauflegung (ceirotonh,santej = „cheirotonäsantes“) einsetzten.

f. Propheten und andere Dienste

Neben diesen Diensten werden in Apg 13,1-2 Lehrer und Propheten erwähnt.

Unmittelbar und nicht durch die Apostel oder ihre Beauftragten wird der prophetische Dienst gesetzt. Männer und Frauen können ihn ausüben. Seine Aufgabe ist vor allem Aufdeckung und Überführung von Sündern (vgl. 1. Kor 14,24). Ebenso kann er auf kommende Gefahren hinweisen (Apg 11,28: Agabus; 21,10), Gottes Trost in Anfechtungszeiten zusprechen (Apg 15,32: Judas u. Silas) und zum Missionsdienst motivieren (Apg 13,1).

In Apg 13, 2 dienen Barnabas und Saulus „priesterlich“ (leitourgou,ntwn = „leitourgounton“); vgl. Hebr 8,2; 10,11; Röm 15,16.

4. Dienste und Ämter in den Pastoral- oder Hirtenbriefen (Schreiben an übergemeindlich verantwortliche Amtsträger)

a. Episkopen / Presbyter, Diakone und Witwen

Im 1. Timotheus werden die Dienste der Episkopen / Presbyter (Kap. 3; 5), der Diakone (3) und der Witwen (5) ausführlich betrachtet.

Episkopen und Presbyter bezeichnen den gleichen Dienst. Sie leiten als Männer die Gemeinden und lehren das Wort Gottes.

Die Witwen, die nicht zu jung sein sollen, nehmen diakonische Aufgaben in der Gemeinde wahr. Sie scheinen „hauptamtlich“ tätig gewesen zu sein. Wer diesen Dienst übernommen hatte und so wirtschaftlich abgesichert war, sollte nicht wieder heiraten (1. Tim 5,11).

Jüngeren Witwen wird geraten, erneut zu heiraten und Kinder zu gebären, um ihre ureigenste Berufung der Frau als „Eva“ („Mutter des Lebens“) wahrzunehmen.

Timotheus wurde unter Handauflegung (1. Tim 4,14) durch Älteste in seinen Dienst eingesetzt. Nach 2. Tim 1,6 wurde ihm dieses Charisma durch Paulus unter Handauflegung verliehen. Hier könnte sich ein ähnlicher Sachverhalt wie im lukanischen Doppelwerk abzeichnen. Entweder nehmen Apostel und Presbyter als unterschiedliche Dienste gemeinsam Aufgaben der Kirchenleitung wahr oder es wird damit ein- und derselbe Dienst bezeichnet.

Paulus betont weiter seine Einsetzung (evte,qhn = „etekän“) als Apostel und Herold (gr. Keryx) und Lehrer der Heiden (1. Tim 2,7; vgl. 2. Tim 1,11).

b. Weibliche Diakone

Möglicherweise konnten Frauen als Diakone dienen (1. Tim 3,11). Dieses entspräche Röm 16,1, wo Phöbe als „Diakon“ der Gemeinde zu Kenchrea aufgeführt ist. Der Dienst als Presbyteros oder Episkopos war ihnen nicht möglich. 1. Tim 2,12 untersagt den Frauen das Lehren in der gemischten, zum Gottesdienst versammelten Gemeinde.

c. Timotheus und Titus im übergemeindlichen Leitungsamt

Sowohl Timotheus als auch Titus setzen dann wieder selber Presbyter als Gemeindeleiter (vgl. 1. Tim 5,22;  Tit 1,5) ein. Wie Paulus in 2. Kor 11,23 kann Timotheus  in 1. Tim 4,6 als „Diakon Jesu Christi“ bezeichnet werden. Im Gegensatz zu dem „Diakonat“ der Sieben wird hier ein kirchenleitendes Dienen beschrieben. Ganz ähnlich wird der Titel „Knecht des Herrn“ (δοῦλον δὲ κυρίου)  in 2. Tim 2,24 für Timotheus gebraucht: „Ein Knecht des Herrn aber soll nicht streitsüchtig sein, sondern freundlich gegen jedermann, im Lehren geschickt, der Böses ertragen kann.“ Er muss hier ähnlichen Kriterien genügen wie die Episkopen und Presbyter.

In Titus 1,5-9 wird Titus von Paulus beauftragt, in allen Städten Presbyter / Episkopen einzusetzen (katasth,sh|j= = „katastäsäs“), die unbescholtene Haushalter (oivkono,mon = „oikonomon“) Gottes sein sollen. Dieses berührt sich mit dem Zeugnis der Einsetzung der Knechte und Haushalter in Lk 12,42f.

d. Das Amt ist nicht eine Funktion der Gemeinde, sondern „Diakonia“ in Verantwortung gegenüber dem Herrn.

Der Neutestamentler Jürgen Roloff hebt in seiner Auslegung der Pastoralbriefe hervor, dass das Amt nicht eine Funktion der Gemeinde, sondern Dienst in Verantwortung gegenüber dem Herrn ist: „Zusammenfassend lässt sich sagen: Das gemeindliche Leitungsamt gewinnt weder seine es bestimmenden Normen noch seine Autorität aus der Gemeinde. Es entsteht nicht dadurch, dass die Gemeinde bestimmte Aufgaben an einzelne ihrer Glieder delegiert, sondern dadurch, dass der den Willen des Herrn der Kirche repräsentierende Apostel verbindliche Weisung gibt, dass Menschen den von ihm urbildhaft wahrgenommenen Auftrag, die Kirche durch das Wort des Evangeliums zu leiten, weiterführen sollen. Das Amt ist zwar in der Gemeinde und sein Träger ist Glied der Gemeinde, aber es ist nicht eine Funktion der Gemeinde, sondern es ist diakonia (diakonia), die in Verantwortung gegenüber dem Herrn der Kirche geschieht.“[5]

5. Das Zeugnis der weiteren Schriften des Neuen Testamentes

a. Schon der Philipperbrief (ca. 50 n. Chr.) und andere frühe Paulusbriefe kennen feste Leitungsstrukturen.

Schon im Philipperbrief  (vgl. Phil 1,1) finden sich Diakone und Episkopen als feste Dienste und  nicht nur ein Kosmos von Charismen.

Ein genaueres Hinsehen zeigt, dass es auch in den frühen Paulusbriefen mehr feste Leitungs-strukturen gab, als meist behauptet wird. So weiß der 1. Korintherbrief (ca. 54 n. Chr.), dass bei den Geistbegabten zunächst Apostel, Propheten und Lehrer gesetzt sind. Den Erstlingen (1. Kor 16,15f) soll sich untergeordnet werden. Der 1. Thessalonicher (ca. 50 n. Chr.) fordert die Gemeinde auf, die anzuerkennen, die ihr „vorstehen“ (proi?stame,nouj = „proistamenous“) (1. Thess 5,12). Röm 12,8 ruft Vorsteher (proi?sta,menoj = „proistamenos“), ihren Dienst mit Eifer zu tun. Dieses Wort taucht dann wieder in den Pastoralbriefen (1. Tim 3,2.4) auf, um Eigenschaften von Episkopen und Diakonen zu beschreiben. 

b. „Doulos“ – ein kaum beachteter Begriff für Verantwortungsträger der Kirche

Auch der Begriff dou/loj (doulos = Knecht) wird in der Forschung als Bezeichnung für Verantwortungsträger der Kirche nur wenig berücksichtigt. Dabei taucht er in Verbindung mit dem Aposteldienst siebenmal in unterschiedlichen Teilen des NT auf: Mt 24,45f; Mk 10,44;   Lk 12,43; Joh 13,16; Röm 1,1; Tit 1,1; 2. Petr 1,1. Aber auch die Verfasser von Jak 1,1; Jud 1; Offb 1,1 bezeichnen sich als Knechte Jesu Christi.

„Die alttestamentliche Selbstbezeichnung der Frommen als δοῦλοι θεοῦ oder die Bezeichnung der Christen als δοῦλοι Χριστοῦ reicht zur Erklärung nicht hin. Vielmehr wirkte der alttestamentliche Ehrentitel, den man besonders erwählten und hervorragenden Gestalten wie Mose, David u. a. beilegte, ein. Die Bezeichnung drückt deshalb auch bei Paulus nicht nur ein Dienstverhältnis aus, sondern ist Amts- und Ehrentitel. Entsprechend diesem Selbstverständnis vermag Paulus seinen und seiner Mitarbeiter Auftrag als Sklavendienst zu bezeichnen (1. Kor 9,19; 2. Kor 4,5; Phil 2,22).“[6] In Bezug auf Frauen wird dieser Titel nur bei Lukas verwendet. Einmal wird er für Maria in Lukas 1,38 und 48 gebraucht, als sie ihre jungfräuliche Empfängnis annimmt und Gott dafür in ihrem Lobgesang preist. Das andere Mal nimmt ihn  Apg 2,18 zu Pfingsten,  wo  der Geist Gottes über seine „Knechte und Mägde“ ausgegossen wird, damit sie prophezeien können.

c. Matthäus – der Evangelist der Kirche

Von allen Evangelien gebraucht allein Matthäus (Lukas verwendet ihn nur in der Apg) den Begriff „Kirche“ (evkklhsi,a| = „ekklesia“) – vgl. Mt 16,18; 18,17. Er markiert so deutlich, dass Jesus schon während seiner irdischen Wirksamkeit die „Institution Kirche“ gewollt hat.  In Mt 16 erklärt Jesus Petrus zum Felsen, auf dem er seine Kirche bauen will. Er bekommt die Schlüsselvollmacht zur Sündenvergebung bzw. -beibehaltung übertragen. In Mt 18 wird diese auf die Kirche übertragen, um Streitfälle zu lösen. Matthäus verbindet ähnlich wie Lukas (vgl. Lk 12,42) den Haushalterdienst des klugen Knechtes (doulos) (Mt 24,45-51) mit dem Austeilen der Speise zu rechter Zeit. W. Grundmann deutet diese Stellen auf den Dienst der Apostel und der Episkopen: „Die Apostel (und vielleicht auch schon die Bischöfe als ihre Nachfolger) haben das Haus Jesu anvertraut bekommen … Dem treuen und zuverlässigen Verwalter gilt die Seligpreisung des Herrn.“[7] In Mt 28 erhält der Rest des Zwölferkreises, dessen Mitglieder in Mt 10,2 auch als Apostel bezeichnet werden, durch den auferstandenen Herrn den Missionsbefehl, der das Taufen und Lehren in sich schließt.

d. Dienste und Ämter im johanneischen Zeugnis

Aufschlussreich ist es auch, das johanneische Schrifttum einschließlich der Offenbarung in dieser Fragestellung wahrzunehmen. So finden wir auch dort die Verknüpfung der Begriffe Apostel und Knecht (Joh 13,16). In Offb 1,1 bezeichnet sich der Verfasser als Knecht. Dem „Zwölferkreis“ wird im Evangelium (20,22-24) die Vollmacht zur Vergebung der Sünden übertragen. In Offb 18,20 sind die 12 Apostel Grundsteine des himmlischen Jerusalem. In zwei seiner Briefe (2. Joh 1; 3. Joh 1) bezeichnet sich Johannes als „Presbyter“. Wie in der Apg erscheinen hier Presbyter im überregionalen Leitungsamt. Auch der Dienst der 24 himmlischen Ältesten in Offb 4,4 und 5,5 kann als überregionales Weide-Amt gedeutet werden. Hauptaufgabe der Ältesten ist nämlich neben der Anbetung (Offb 4,12; vgl Apg 6,4) die Deutung des Offenbarungswortes auf Christus hin (Offb 5,5; 7,13ff). Die „Engel“ (Boten) der sieben Sendschreiben (Offb 2-3) sind keine himmlischen Wesen, sondern nehmen episkopale Aufgaben in Ortsgemeinden wahr. Sie wachen über Lehre und Sitte fast im Sinne eines monarchischen Episkopats.

e. Bischof, Älteste und das Weiden im 1. Petrusbrief, die Hegemonie im Hebräerbrief und Jakobus, der Knecht Christi

Im 1. Petrusbrief ist Jesus Bischof und Hirte der Seelen (2,25). Petrus bezeichnet sich als Apostel (1,1) und Mitältesten (5,1). Die Ältesten der Ortsgemeinde (5,1-4) haben die Aufgabe, die Herde Gottes zu weiden („zu hirten“) und auf sie zu achten („zu bischöfen“). Auch im 1. Petrus hängen das Werk Christi, das Apostolat und der Gemeindeleiterdienst begrifflich eng zusammen.

Hebräer 3,1 bezeichnet Jesus als Apostel und Hohenpriester. Auch hier sind priesterlicher Dienst und Apostolat miteinander verknüpft. Deshalb sollte es nicht verwunderlich erscheinen, dass diese Verbindung in der Zeit der Kirchenväter immer mehr verstärkt wurde. Ob dies in aller Konsequenz richtig war, muss bedacht werden. Die örtlichen Gemeindeleiter, die das Wort Gottes weitersagen, nennt der Hebräerbrief „Führende“ (h`goume,nouj = „Hägoumenous“ vgl. 13,7+17) und nicht „Lehrer“, wie es die Lutherbibel (ESV = „leader“) wiedergibt.  Diese Bezeichnung für leitende Dienste in der Kirche tauchen auch in Lk 22,26 (Luther 84: „Vornehmste“; ESV: „leader“) und Apg 15,22 auf. Im Hebräerbrief nehmen die „Führenden“ jene Aufgaben war, die in anderen Briefen von den Presbytern oder Episkopen ausgeführt werden: „Gehorcht euren Führenden und ordnet euch unter, denn sie wachen über eure Seelen wie (solche), die Rechenschaft abgeben werden, damit mit Freude dies sie tun und nicht stöhnend; denn schädlich (wäre) für euch dies.“ (13,17)

Im Jakobusbrief bezeichnet sich der Verfasser als „Knecht“ Gottes und des Herrn Jesus Christus (1,1). Er kennt den Dienst von Presbytern in der Ortsgemeinde, denen es aufgetragen ist, die Kranken zu salben und für sie zu beten (5,13-16).

Exkurs: Grundsätzliches zur „Unterordnung“ der Frau in der Heiligen Schrift

Manche verstehen die „Unterordnung“ der Frau, wie sie z.B. in Epheser 5,22-24[8] zum Ausdruck kommt, als eine Herabstufung oder Benachteiligung der Frau.

Dies ist ein Irrtum! Nach 1. Mo 2,18 ist die Frau dem Manne als seine Entsprechung zugeordnet. Die Frau ist vom Mann, darum ist sie ihm gleich. Erst wo Gleichrangigkeit besteht, kann von Unterordnung die Rede sein. Echte Vor- und Nachordnung, Über- und Unterordnung ist aufeinander angewiesen und weist über sich selbst hinaus auf die in Gott gesetzte Ordnung (vgl. 1. Kor 15,23: jeder in seiner eigenen ihm bestimmten Ordnung).

Die Beziehung zwischen Mann und Frau spiegelt aufgrund ihrer Gottesebenbildlichkeit das Wirken der Trinität wider. In der Trinität wirken alle drei Personen an allen Werken mit, aber an bestimmten Stellen nimmt eine der Personen die Hauptverantwortung wahr. So sind der Vater und der Geist durchaus am Kreuzesgeschehen beteiligt, aber die Hauptlast trägt der Sohn. Beim Werden des Menschen trägt die Frau die Hauptlast, aber der Mann hat auch seinen Anteil daran. Laut Luther ist der Mann der „Hüter des Wortes“ und wurde schon im Paradies mit dem Predigtamt betraut. Das schließt aber nicht die recht verstandene Beteiligung der Frau daran aus. Sie kann aber in dieser Sache nicht federführend sein.

III. Praktische Konsequenzen aus dem Wahrnehmen des biblischen Zeugnisses

1. Der presbyterial-episkopale Dienst wurzelt im Dienst der von Jesus berufenen Apostel und kann nur Männern übertragen werden.

2. Der diakonische Dienst wurzelt auch im Dienst der von Jesus berufenen Apostel und kann Frauen übertragen werden.

3. Das NT kennt den hauptberuflichen Dienst der „Witwen“ und das Mitwirken von Ehefrauen bei der Unterweisung von Männern, die öffentlich für Christus Zeugnis geben. Lydia, die Mutter der Gemeinde in Philippi, leitete wohl vor der Gemeindegründung die Gebetsversammlung am Fluss (Apg 16,13-14). Auf dieser Grundlage könnte der Dienst der „Pastoralreferentin“ gut geordnet werden.

4. Geeigneter als der Begriff „Pastoralreferentin“ wäre die Bezeichnung „Pastoraldiakonin“, weil sie besser biblisch verankert ist. Anzuraten wäre, dass Gottesdienste, die von einer „Pastoraldiakonin“ geleitet werden, sich in der Form deutlich vom Predigtgottesdienst unterscheiden, die im Hauptgottesdienst wurzelt.

5. Der prophetische Dienst stellt eine außerordentliche Berufung dar, die von Gott vordringlich gegeben wird, um auf Krisen und Missstände hinzuweisen. Zu diesem Dienst kann Gott Männer und Frauen erwecken. Er darf nicht mit dem apostolischen Dienst vermengt werden.

6. Die Pastoralbriefe bezeugen, dass Männer im presbyterial-episkopalen Dienst überregionale Verantwortung wahrnahmen.

7. Schon 1997 schlug die Theologische Kommission vor: „Eine Gliederung des einen Amtes der Kirche sollte von der lutherischen Kirche als Chance begriffen werden.“[9]

Ich würde lieber von einer Gliederung der Dienste sprechen, die im NT vor allem in den Pastoralbriefen verankert sind. Sie könnte sich an der altkirchlichen Tradition von „Diakon, Presbyter und Episkopus“ orientieren. Ich verstehe diesen Vorschlag nicht als eine biblische Weisung, die unbedingt umgesetzt werden müsste, sondern als eine Annäherung an biblische Strukturen. Diese könnten für manche Gemeindeglieder eine Hilfe sein, die Aufgaben der neutestamentlichen Dienste besser zu verstehen.

  1. Diakone, Vikare, Pfarrdiakone und Pastoraldiakoninnen erhalten eine „Diakonenweihe – oder Ordination“, die eine bevollmächtigte Mitarbeit in den Gemeinden ermöglicht, die sich aber deutlich von der Ordination ins Pfarramt unterscheidet. Für Vikare könnte eine solche „Weihe“ vor dem 2. Examen eine Absicherung für die Altersversorgung bedeuten.
  2. Pastoren bzw. Pfarrer erhalten die „Episkopen- bzw. Presbyterweihe oder –ordination“. Diese ist die Bevollmächtigung zur freien Wortverkündigung und Sakramentsspendung und Leitung der Gemeinde.
  3. Bischöfe, Pröpste und Superintendenten bedürfen keiner besonderen Ordination, sondern werden nur in ihr Amt eingeführt. Es besteht die Freiheit, dass diese Dienste befristet wahrgenommen werden können.

[1] Klaus Berger, Kommentar zum Neuen Testament, 4. Auflage. (Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 2020), 563.
[2] Walch I, II, 89; S. 127
[3] Gerhard Maier, Lukas-Evangelium, ed. Gerhard Maier, Bd. 2, Edition C Bibelkommentar Neues Testament (Holzgerlingen: Hänssler, 2007), 24.
[4] E. Lohse, Die Ordination im Spätjudentum und im Neuen Testament, Göttingen 1951, S. 76
[5] J. Roloff, Der erste Brief an Timotheus, EKK XV, Zürich 1988, S. 181
[6] Alfons Weiser, „δοῦλος“, ed. Horst Balz und Gerhard Schneider, Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament (Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 2011), 851–852.
[7] W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, THNT III, Berlin 1981, S. 267
[8] „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter wie dem Herrn. 23 Denn der Mann ist das Haupt der Frau, wie auch Christus das Haupt der Gemeinde ist, die er als seinen Leib erlöst hat.“ (vgl. 1. Kor 11,2-3; 1. Tim 2,11-13; Tit 2,2-5; 1. Petr  3,1-2.6)
[9] Das Amt der Kirche. Eine Wegweisung; Hrsg. Von der Theologischen Kommission der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche, 1997, S. 22

Ein Gedanke zu „Das klare Zeugnis des Neuen Testaments

  1. A. Volkmar

    Folgende Anmerkungen zur „Kopftuch-Frage“:
    1) In 1. Kor 11,1-16 geht es nicht darum, dass alle Frauen beim Besuch eines Gottesdienstes ihr Haupt bedecken sollen.
    2) Es geht vielmehr darum, dass Frauen durch ihr Mitwirken beim Beten oder prophetischen Reden im Gottesdienst nicht die sog. „Kephale- oder Hauptstruktur“ in Frage stellen.
    3) In den damaligen jüdischen Gottesdiensten fing man an, dass die Männer ihr Haupt bedeckten, wie es heute allgemein dort üblich ist. Man wollte seine Unterordnung und Ehrfurcht gegenüber Gott demonstrieren.
    4) Die frühen christlichen Gemeinden waren der Überzeugung, dass die Männer das Haupt der Kirche Jesus Christus bzw. Gott repräsentierten (1. Kor 11,2.7). Deshalb sollten sie diese neue Sitte der jüdischen Gemeinden, mit denen man sich damals durchaus noch verbunden wusste, nicht übernehmen.
    5) Durch das Bedecken ihres Hauptes sollten aber die Frauen klarstellen, dass sie durch ihr Reden und Beten diese gottgegebene Ordnung nicht in Frage stellen.
    6) Mit der Rede von den „Engeln“ in 1. Kor 11,10 könnten wie in den Sendschreiben der Offenbarung (z.B. Offb 2,1; 3,1) Gemeindeleiter gemeint sein. Diese Deutung macht eher Sinn, als diesen Vers auf mögliche sexuelle Gelüste von Himmelswesen zu beziehen, da diese laut Mt 22,30 so etwas oder heiraten nicht kennen.
    7) 1. Kor 11,11-12 zeigt dann auf, dass ursprünglich bei der Schöpfung die Frau vom Mann herkam. Jetzt wird aber der Mann von der Frau geboren. Dieses Hervorbringen des Lebens ist die Kernkompetenz der Frau, während die Kernkompetenz im Bewahren des göttlichen Wortes und die Verantwortung dafür liegt.

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