Hirtenbrief zur Rolle der Frau in der Kirche

Von | August 5, 2026
Hirtenbrief

Der nachfolgende Beitrag ist die Übersetzung eines Auszuges aus einem Brief von Pfarrer Jean Thiébaut Haessig vom 01.03.2002 an die Gemeinden unserer französischen Schwesterkirche, der Evangelisch-Lutherischen Kirche – Synode von Frankreich (Église évangélique luthérienne – Synode de France, EEL-SF), deren Präses er von 2000 bis 2012 war. Der Hirtenbrief wurde zur Vorbereitung der bevorstehenden Synode der französischen Schwesterkirche geschrieben, und nicht als Stellungnahme in der Kontroverse der SELK betreffs Frauenordination. Er erschien auf Französisch und Englisch, nicht auf Deutsch. Sein Thema war die Rolle der Frauen in der Kirche; die Frauenordination kam nur am Ende als eine Anwendung des vorher Besprochenen. Das Beitragsbild zeigt ein fiktives Cover des Hirtenbriefes und ist KI-generiert, erstellt mit OpenAI ChatGPT Images / 4o Image Generation, Sprachmodell: GPT-5.5 Thinking.

2.

Hier sind einige biblische Denkanstöße [zur Rolle der Frau in der Kirche]:

2.1. So wie es einen Unterschied zwischen der individuellen Ausübung des allgemeinen Priestertums der Gläubigen und dem öffentlichen Dienst der Pfarrer gibt, darf man auch die Verantwortung der Frauen in der Kirche nicht mit dem pastoralen Dienst von Frauen gleichsetzen.

2.2. Dass Frauen keinen Zugang zum pastoralen Dienst haben, hat nichts mit ihren Fähigkeiten oder Talenten zu tun, ebenso wenig wie mit Traditionen (siehe dazu die Thesen zur Verantwortung der Frauen in der Kirche, 1982). Es liegt daran, was Gott in seinem Wort dazu sagt.

2.3. 1. Korinther 14,26–40:

„Wie in allen Gemeinden der Heiligen sollen die Frauen schweigen in den Gemeindeversammlungen; denn es ist ihnen nicht gestattet zu reden, sondern sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz sagt. Wollen sie aber etwas lernen, so sollen sie daheim ihre Männer fragen. Es steht einer Frau schlecht an, in der Gemeindeversammlung zu reden. Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder ist’s allein zu euch gekommen? Wenn einer meint, er sei ein Prophet oder vom Geist erfüllt, der erkenne, dass es des Herrn Gebot ist, was ich euch schreibe.“ (V. 34–37)

Es handelt sich hier nicht um persönliche Meinungen des Paulus, die mit seinem Umfeld oder seiner Erziehung zusammenhängen. Welche denn eigentlich: die griechische oder die hebräische, die sich widersprachen? Denn wo der Apostel eine persönliche Meinung äußert, weist er deutlich darauf hin.

2.3.1. Der Kontext dieser Stelle zeigt, dass das Wort „Gemeinde“ hier die zum Gottesdienst versammelte Gemeinde bezeichnet. Der Gott der Ordnung und des Friedens (Vers 33) hat Vorkehrungen getroffen, „damit alles in Würde und Ordnung “ (V. 40) zugeht im Gottesdienst, der ihm dargebracht wird. Paulus offenbart hier nicht seine persönliche Meinung, sondern „ein Gebot des Herrn“ (V. 37).

2.3.2. Der Apostel schreibt den Frauen im Gottesdienst kein absolutes Schweigen vor, da er in Eph 5,19–20 alle Glieder der Gemeinde ermahnt: „Ermutigt einander mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern; singt und preist den Herrn von ganzem Herzen.“ Im Übrigen taucht das Wort „Schweigen“, das er auch in 1 Tim 2,11–12 (siehe weiter unten) verwendet, ebenfalls in Apg 11,18 und 21,14 auf, wo es sich nicht um absolutes Schweigen handelt.

2.3.3. In 1 Kor 14,34 verwendet Paulus das griechische Verb laleo für „sprechen“, ein Wort, das im Neuen Testament oft „predigen“ bedeutet (Mk 2,2; Lk 9,11; Apg 4,1; 8,25; 22,14; 1. Thess 1,4). Er verwendet nicht das allgemeinere Verb lego, das jede Art des Sprechens bezeichnet. Der Apostel verbietet hier also nicht jede Art von mündlichem Beitrag von Frauen in der Gemeinde.

2.3.4. Man darf nicht vergessen, dass diese Stelle über das Verhalten der Frauen Teil eines Kapitels ist, in dem Paulus die Ordnung im Gottesdienst behandelt. Diese Stelle bezieht sich also ausschließlich auf das Verbot für Frauen, im Gottesdienst das Predigtamt auszuüben.

2.4. 1. Timotheus 2,11–15:

„Eine Frau lerne in der Stille mit aller Unterordnung. Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre, auch nicht, dass sie über den Mann herrsche, sondern sie sei still. “ (V. 11–12). Was bedeutet hier: Die Frau darf nicht „die Herrschaft über den Mann an sich reißen“?

2.4.1. Der Apostel unterweist seinen Mitarbeiter Timotheus darin, wie der Gottesdienst in den entstehenden Gemeinden zu gestalten ist. Hier geht es ausschließlich um das Verhalten im Gottesdienst.

2.4.2. Das Verb didaskein, das für „lehren“ verwendet wird, bezeichnet die öffentliche Verkündigung des christlichen Glaubens. So verwendet Paulus dieses Verb übrigens im gesamten Brief (1,3+7; 2,7; 3,2; 4,13). Paulus sagt nicht, dass Frauen unter keinen Umständen lehren dürfen – er kennt selbst solche Situationen (Apg 18,26; 2 Tim 1,5; 3,14–15; Tit 2,3–5) –, sondern dass sie dies nicht im Gottesdienst tun dürfen, dass sie den Dienst der Verkündigung nicht ausüben dürfen.

2.4.3. Aber in welchem Zusammenhang stehen „lehren“ im Gottesdienst und „Autorität über die Männer ausüben“ (oder „an sich reißen“)?

2.4.3.1. Beachten Sie, dass „lehren“ und „Autorität ausüben“  hier eng miteinander verbunden sind. Es handelt sich um eine Lehre, die unmittelbar mit Autorität verbunden ist. Die Lehre des christlichen Glaubens geht immer mit der Ausübung von Autorität einher (Mt 7,28–29; 21,23; Tit 2,15; 1 Tim 1,3; 3,5; 4,11–13; 5,7+21; 6,2+17). Die Autorität, deren Ausübung Paulus den Frauen hier verbietet, ist also jene, die darin besteht, „sich mit der Verkündigung und der Lehre abzumühen“ (1 Tim 5,17).

2.4.3.2. Wir dürfen daher hier den Ausdruck „Autorität über den Mann“ nicht vom pastoralen Dienst trennen, um ihn anschließend willkürlich anzuwenden, noch dürfen wir uns einfach auf das Wörterbuch berufen (Befehlsrecht, Macht, Gehorsam abzuverlangen), um dann Frauen aus allen Gemeindeversammlungen, Ausschüssen oder Ämtern auszuschließen, in denen ebenfalls Entscheidungen getroffen werden.

2.4.3.3. Die einzige Macht, über die die Kirche verfügt, ist die, durch die Verkündigung des Wortes Gottes und die Spendung der Sakramente Sünden zu vergeben oder zu behalten, und diese Autorität vertraut die Kirche dem von Gott berufenen Pfarrer an (Apologie der Augsburger Konfession 28,5 und 8).

2.4.4. Die theologische Grundlage – oder biblische Begründung – für das Verbot, dass Frauen die geistliche Autorität des pastoralen Amtes ausüben dürfen, ist die Schöpfungsordnung (und nicht irgendein Brauch aus der Zeit der Apostel). Die apostolische Lehre in 1 Tim 5 (über die jeweiligen Rollen von Mann und Frau bei der Ausübung der pastoralen Autorität) ist eine Anwendung der Schöpfungsordnung und des Sündenfalls in Gen 2 und 3 (und nicht das Ergebnis einer Anpassung an die damaligen Bräuche).

Diese Worte, die mit apostolischer Autorität bekräftigt sind, sind daher für die Christenheit aller Zeiten verbindlich: Sie kann sie weder ignorieren noch in Frage stellen noch umgehen. Eine Frau kann daher kein Pfarramt ausüben, weil Gott es uns in seinem Wort verbietet, ob es uns gefällt oder nicht, ob es uns passt oder nicht.

2.5. Warum hat Gott dann Frauen die Gaben gegeben, die für das Amt eines Pastors erforderlich sind, erlaubt ihnen aber nicht, dieses Amt auszuüben? Ich weiß es nicht und maße mir nicht an, Gott zu sein, um dort zu antworten, wo er nichts sagt. Aber auch nicht alle Männer, die die entsprechenden Fähigkeiten hätten, sind Pastoren. Auch hier gibt es spezifische Hindernisse und Bedingungen. Gott braucht die Gaben und Talente der Frauen sicherlich an anderer Stelle, ebenso wie die der überwiegenden Mehrheit der Männer.

Und wir würden ihm nicht vertrauen? Hat er nicht reichlich bewiesen, dass er uns über alles liebt und nur unser Bestes will? Und wir würden uns in „Wortstreitigkeiten“ (1 Tim 6,4; 2 Tim 2,14) verlieren, anstatt im Vertrauen auf ihn zu handeln und uns für das Heil der Seelen einzusetzen?

Betrachten wir die Kirche vielmehr als eine große Familie, in der jeder aus brüderlicher Liebe seine Gaben dort einbringt, wo der Herr die Möglichkeit dazu bietet. Und lassen wir uns nicht vom Geist der Welt überwältigen, der Quelle von Bitterkeit und Auflehnung ist.

3.

Ich möchte an dieser Stelle noch einige weitere Denkanstöße geben:

3.1. Synodalkonstitution, Lehrgrundlage der EEL-SFB:

„Die Synode und jedes ihrer Mitglieder bekennen sich uneingeschränkt

– zur Heiligen Schrift des Alten und Neuen Testaments, die das unfehlbare Wort Gottes ist, als einzige Norm und Regel des Glaubens und des Lebens,

– alle symbolischen Schriften der Evangelisch-Lutherischen Kirche als Glaubensbekenntnisse, in denen die christliche Lehre in vollkommener Übereinstimmung mit der Heiligen Schrift dargelegt ist.“

Schon zu Zeiten der Propheten und Apostel stand der gute und barmherzige Wille Gottes nie im Einklang mit der öffentlichen Meinung der unheiligen, ja sogar heidnischen Gesellschaft. Zu allen Zeiten standen die Kinder Gottes in vielen Punkten im Widerspruch zum „Einheitsdenken“ der sie umgebenden Welt. Denken Sie an das Volk Israel, umgeben von götzendienerischen Völkern, oder an die ersten christlichen Gemeinden, die zwischen dem Legalismus des jüdischen Volkes und dem freizügigen Geist der griechisch-lateinischen Kultur eingeklemmt waren.

Doch unser weiser und liebender Gott hat uns verlässliche Anhaltspunkte gegeben: Er ermöglicht es seiner Kirche, auf dem festen Fundament dessen zu argumentieren, was unser himmlischer Vater uns offenbart hat, um unseren Weg zu erhellen, damit wir ihn im Glauben, in Gewissheit und Gelassenheit beschreiten und uns im Licht seiner rettenden Liebe entfalten können.

3.2. Ich möchte daran erinnern, dass die Kirchen, die das weibliche Pfarramt eingeführt haben, nicht mehr an die vollständige Inspiration der Heiligen Schrift glauben. Zu eurem Trost und zu eurer Gewissheit des Heils: „Freut euch im Herrn“ (Motto unserer Synodalversammlung 2002) – dass es in unserer Kirche noch nicht so weit ist! Doch dieser Zusammenhang zwischen der Ablehnung der vollen Inspiration der Heiligen Schrift und der Einführung der Frauenordination sollte zu denken geben. Tatsächlich geht es hier nicht so sehr um die Frauenordination, sondern vielmehr um die Autorität der Heiligen Schrift, auch wenn dies unbewusst geschieht.

3.3. Keiner von uns hätte diese Reihenfolge der Dinge von sich aus gewählt. Keiner hätte sich bewusst in Schwierigkeiten gebracht, indem er Überraschung, „Verwirrung“ und Widerstand hervorrief. Auch hier kann ich nur wiederholen, was ich bereits an anderer Stelle geschrieben habe: „Gott ist kein Gott, der sich den Launen und Entwicklungen der Gesellschaften anpasst (das hieße, einen Gott nach dem Bild der Menschen zu schaffen). Nein, Gott ist sein eigener Maßstab sowohl für seine Heiligkeit als auch für seine Barmherzigkeit, was ihn für manche zu einem „Ärgernis“, für andere zu einer „Torheit“ macht (1 Kor 1,23). Aber wie Paulus brauchen wir uns dessen nicht zu schämen (Röm 1,16). “ (Amitiés Luth, Nr. 44)

3.4. Ich möchte auch auf diesen Einwand eingehen, der immer wieder zu hören ist: „Das Wichtigste ist das Evangelium, alles andere ist unwichtig!“

3.4.1. Zunächst möchte ich darauf hinweisen, dass dies nicht Gottes Ansicht in der Bibel ist. Eine der größten Kontroversen, die Luther führen musste, war die gegen die „Antinomisten“, jene, die das Gesetz (das ihrer Meinung nach überflüssig war) abschaffen und nur das Evangelium beibehalten wollten.

3.4.2. Gewiss, ich werde nur durch die Verheißungen gerettet, die Gott mir im Evangelium Christi gibt. Aber wie kann ich die Vorkehrungen, die mein Gott und Retter für meine Entfaltung und mein Glück getroffen hat, beiseiteschieben, verachten oder herabsetzen, wo ich doch von einer Erlösung profitiere, die ihn so viel gekostet hat? Wie kann ich, ich „Tontopf“, mich erheben, um dem göttlichen „Töpfer“ Lektionen zu erteilen? (Jes 45,9–12; Röm 9,20–21)

3.5. Ein weiterer Vorwurf oder eine Warnung, die man unserer Kirche entgegenbringt: „Wenn sich unsere Kirche nicht an unsere Gesellschaft anpasst, werden wir keine neuen Mitglieder gewinnen können!“

3.5.1. Es zeugt von Unkenntnis der Kirchengeschichte zu glauben, dass es erst seit unserer Zeit eine Kluft zwischen der Kirche und der Gesellschaft gäbe. Das war schon immer so und wird bis zum Ende der Zeit so bleiben, denn auch wenn die Kinder Gottes „in der Welt“ sind, so werden sie dennoch immer „nicht von der Welt“ sein (Joh 17,11–16)

3.5.2. „Wenn das Salz fade wird“ und der „Suppe“ dieser Welt gleicht, „womit soll man es dann salzen?“ (Mt 5,13). Seht euch die Kirchen an, die sich in die Gesellschaft einfügen wollten: Sie unterscheiden sich kaum noch von ihr und haben die kostbare Botschaft der Erlösung verloren, die diese Welt so dringend braucht. Indem sie sich ideologisch in die Welt eingefügt haben, sind sie für sie nutzlos geworden – geistlich gesehen.

3.5.3. Wem oder wofür wollen wir Seelen gewinnen: für die „Körperschaft“ EEL-SFB oder für Christus? Wenn wir dem Auftrag treu bleiben, den Christus uns anvertraut hat, wird er auch unsere Kirche segnen.

Wenn wir seine Botschaft getreu weitergeben – durch unsere Worte und unsere Haltung –, dann „wird sein Wort nicht leer zu ihm zurückkehren, ohne seinen Willen ausgeführt und erfolgreich vollbracht zu haben, wozu er es gesandt hat“ (Jes 55,11).

3.5.4. Lasst uns vielmehr auf Gottes Weisheit und Einsicht vertrauen und „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ sein!  …