Manche Prediger verkündigen das Evangelium von Jesus Christus heutzutage so, als sei allen Menschen ihre Sündenschuld vergeben, und die ewige Seligkeit sei ihnen sicher. Gott könne nun nie mehr zornig, sondern nur noch barmherzig sein. Die Evangeliumspredigt sei daher nicht notwendig, um eine ewige Verdammnis abzuwenden, und diene lediglich dazu, dass Menschen in ihren Erdentagen den Trost des Glaubens haben können. Zu dieser „Allversöhnungslehre“, wie Theologen es nennen, passt eine merkwürdige Deutung des Jüngsten Gerichts, die ich neuerdings wiederholt gehört habe: Es ginge in Gottes Endgericht gar nicht um eine Scheidung aller Menschen in „Gesegnete“ und „Verfluchte“ (siehe Matthäus 25,34.41), sondern um ein „Zu-Richten“, also ein Zurechtbringen aller Menschen für die ewige Seligkeit.
Menschlich ist es verständlich, dass manche Prediger so reden. Der Gedanke an Gottes Zorn und an die ewige Verdammnis ist so erschreckend, dass man ihn am liebsten beiseiteschieben möchte. Aber bei der christlichen Verkündigung darf es nicht um unser menschliches Bauchgefühl gehen, sondern man muss sich treu nach Gottes Wort und Willen richten, wie er uns in der Heiligen Schrift offenbart ist. Weh den Predigern, die wie die falschen Propheten zur Zeit Jeremias verkündigen: „’Friede! Friede!’, und ist doch nicht Friede.“ (Jeremia 6,14) Im Alten wie im Neuen Testament heißt es unmissverständlich, dass Gottes Zorn und sein Strafgericht über die Welt nicht abgeschafft, sondern nur „aufgespart“ ist „für den Tag des Gerichts und der Verdammnis der gottlosen Menschen“ (2. Petrus 3,7). Auch Paulus spricht im Römerbrief vom „Tag des Zorns und der Offenbarung des gerechten Gerichtes Gottes …“ Das Strafurteil ist denen bestimmt, die ein „verstocktes und unbußfertiges Herz“ haben (Römer 2,5). Es ist die klare Botschaft der gesamten Heiligen Schrift und auch des lutherischen Bekenntnisses: Nur diejenigen Menschen befinden sich im Stand des Heils und erben das ewige Leben, die durch Reue, Buße und Glauben die Sühnung ihrer Schuld ergreifen, welche Christus durch sein Opfer am Kreuz für alle Menschen erworben hat. Solche Umkehr und solch rettenden Glauben bewirkt Gottes Geist durch die Gnadenmittel Wort und Sakrament. Die Taufe am Anfang eines Christenlebens markiert dabei einen Herrschaftswechsel aus dem Machtbereich Satans in den Machtbereich Christi.
Die Gnadenmittel wirken auf verschiedene Weise aus der Kraft des einen Evangeliums Jesu Christi. Die Botschaft des Evangeliums muss zwar sorgfältig vom göttlichen Gesetz unterschieden, darf aber nicht isoliert betrachtet werden. Beides ist Gottes gültiges Wort, und durch beides ist der Heilige Geist am Werk: Mit dem Gesetz wirkt er Erkenntnis der Sünde und Reue, mit dem Evangelium aber Vertrauen in Christi Erlösung. Man würde das Evangelium als „Hauptartikel“ des Glaubens missverstehen, wenn man meinte, Gottes Gesetz würde nun nicht mehr gelten und könne deshalb auch nicht mehr verbindlicher Maßstab sein, um Sünde zu erkennen und beim Namen zu nennen. Mit diesem Missverständnis der Rechtfertigungslehre „allein aus Gnade“ musste sich bereits der Apostel Paulus auseinandersetzen, deshalb schrieb er: „Wie? Heben wir das Gesetz auf durch den Glauben? Das sei ferne! Sondern wir richten das Gesetz auf.“ (Römer 3,31)
Trotzdem gilt: Wer an Jesus Christus glaubt, hat Heilsgewissheit. Er braucht nicht ängstlich danach zu fragen, wie gut es ihm gelingt, dem göttlichen Willen gerecht zu werden, denn er weiß: Christus hat für mich genug getan; an meinem Heil zweifeln hieße an Christi Erlösung und an der Treue von Gottes Heilszusage zweifeln. Das gilt auch noch unter starken Anfechtungen, solange ein Mensch bei Gott Hilfe sucht und sagt: „Ich glaube, hilf meinem Unglauben!“ (vgl. Markus 9,24) Der Glaubende weiß: Meine Sünde kann mich nicht mehr verdammen – solange ich sie reumütig vor Gott bringe und darauf vertraue, dass er sie mir um Christi willen vergibt.
Und genau hier stellt sich die Frage: Kann es dennoch geschehen, dass die Sünde einem Getauften zum Verhängnis wird? Dass sie nicht nur irdisches Leid bewirkt, sondern letztlich vom ewigen Heil ausschließt?
Ein Christ besteht aus einem alten und einem neuen Menschen, die sich in einem fortwährenden Kampf miteinander befinden (vgl. Römer 7,15.22.24; Galater 5,17). Christen fallen immer wieder in Sünde, wenden sich dann aber sogleich reumütig an Christus, um Vergebung zu empfangen (vgl. 1. Johannes 1,9; 2,1). Gefährlich wird es dann, wenn ein Christ die Sünde auf die leichte Schulter nimmt. Wenn er sich nicht mehr klar macht, wie schwer seine Sünde wiegt: Sie ist ein Aufbegehren gegen den guten und gnädigen Willen des Schöpfers, eine Missachtung seiner segensreichen Gebote, ja, ein Mitverschulden von Jesu Kreuzestod. Und gefährlich ist es darum ebenfalls, eigenmächtig definieren zu wollen, was Sünde ist und was nicht. Schon der Prophet Micha mahnte: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“ (Micha 6,8) Auch die Briefe des Apostels Paulus enthalten immer wieder derartige Mahnungen. Er warnte davor, sich Gottes Maßstab für gutes Leben von den Ansichten ungläubiger Mehrheiten in der jeweiligen Gesellschaft verbiegen zu lassen: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist …“ (Römer 12,2) Leicht kann sich ein Christ an Sünden gewöhnen, sofern sie von seiner Umwelt toleriert werden. Und leicht kann es geschehen, dass Menschen an Gottes klaren Anweisungen irregemacht werden, wie es bereits im Garten Eden durch den Versucher geschah: „Ja, sollte Gott gesagt haben …?“ (1. Mose 3,1)
Wird ein Christ gleichgültig gegenüber der Sünde, dann wird sie bald seinen Lebensstil prägen (vgl. Hebräer 3,12-15). Er wird dann nicht mehr zu aufrichtiger Reue und Buße finden, sondern vom Glauben abfallen. Mutwilliges Sündigen ohne Einsicht und Umkehr führt zu einem verstockten Herzen. Wenn sich jemand durch einen sündhaften Lebensstil wieder der Herrschaft des Teufels unterstellt, von der Christus ihn doch befreit hat, missachtet er damit letztlich auch das Evangelium. Die Bibel warnt an vielen Stellen vor dieser tragischen Entwicklung (vgl. z. B. Römer 11,22; 1. Korinther 10,12) und ruft zum Bleiben im Glauben auf (vgl. z. B. Offenbarung 3,11b).
Wir sehen: Die Sünde kann dem, der Jesus Christus vertraut, nicht schaden, aber sie kann sein Heil gefährden, wenn sie ihn von Christus weg zum Abfall vom Glauben verführt. Von sich aus kann niemand dieser Gefahr etwas entgegensetzen, aber man kann sich von Gott mit der „geistlichen Waffenrüstung“ des Evangeliums ausrüsten lassen, um dem Teufel und der Sünde Widerstand zu leisten (Epheser 6,10-17). Dies geschieht nicht zuletzt auch in der Gemeinschaft der christlichen Kirche. Dort stärken sich die Christen gegenseitig mit dem Evangelium und bekommen es gemeinsam durch die Pastoren, die bevollmächtigten „Botschafter an Christi Statt“, durch die Gnadenmittel zugeeignet. Auch hier darf das Evangelium nicht isoliert gesehen werden: Das gegenseitige Ermahnen mit Gottes Geboten und eine entsprechende Seelsorge der Gemeindehirten wehren ebenfalls der Gefahr, Sünde leicht zu nehmen und durch sie zum Abfall verführt zu werden.
Wenn jemand sich so weit vom Herrn Jesus Christus entfernt hat, dass er ohne Reue an einer offensichtlichen Sünde festhält und trotz mehrfacher Ermahnung nicht zur Umkehr bereit ist, bleibt als ultima ratio der Bindeschlüssel. Er ist keine kirchliche Sündenstrafe und auch kein vorweggenommenes Urteil des Jüngsten Gerichts, sondern der letzte Versuch, einen verstockten Sünder doch noch zur Buße zu bekehren und für das ewige Leben zurückzugewinnen. Ebenso wie der Löseschlüssel der Absolution und die anderen Weisen der vollmächtigen Evangeliumsvermittlung durch den ordinierten Amtsträger setzt der Bindeschlüssel voraus, dass die Bibel klar und verbindlich Gottes Wort und Weisung ist. Gottes Gesetz allein ist ja der Maßstab, um festzustellen und zu kommunizieren, dass jemand den guten Weg der Nachfolge Christi verlassen und den Weg ins Verderben eingeschlagen hat. Aus diesem Grund darf die Botschaft des göttlichen Gesetzes nicht weniger verbindlich eingeschätzt werden als das Evangelium.
Es ist deshalb ganz wichtig, einmütig am ganzen in der Bibel offenbarten Willen Gottes festzuhalten, ihn verbindlich zu lehren und mit ihm Seelsorge zu üben im Trösten und Mahnen, mit Löse- und Bindeschlüssel. Wo diese Einmütigkeit fehlt, vielleicht sogar einem relativierten oder pluralistischen Verständnis von Gottes Wort weichen musste, ist ein eindeutiges kirchliches Handeln nicht mehr möglich. Der einzelne Christ kann dann auch nicht mehr sicher sein, ob er eine Zurechtweisung mit Gottes Gesetz ernst nehmen soll oder nicht. Dies ist ein weit verbreitetes Problem in der heutigen Christenheit. Es sollte dazu führen, mit allem Ernst um den Erhalt der Lehreinheit im Verständnis von Gesetz und Evangelium zu ringen.
Wir sehen: Die oft getätigte Aussage, nur das Evangelium im engeren Sinne sei heilsrelevant, ist so nicht richtig. Jede Ablehnung von Gottes Wort wider besseres Wissen ist gefährlich. Jesu Gleichnis vom „Schalksknecht“ lehrt, dass auch einem, dem die Schuld bereits erlassen ist, die Sünde der mangelnden Vergebungsbereitschaft gefährlich werden und ihn letztlich sogar das Heil kosten kann (Matthäus 18,21-35). In demselben Sinn hat Jesus die fünfte Vaterunser-Bitte mit einer ernsten Warnung verknüpft (Matthäus 6,14-15). Natürlich enthält die Bibel auch Weisungen, die nur für eine bestimmte Zeit oder einen begrenzten Personenkreis galten. Wo aber aus dem Zusammenhang hervorgeht, dass es sich um Gottes zeitlos gültigen Willen für alle Menschen handelt, muss er verbindlich gelehrt und geachtet werden – auch in scheinbar nebensächlichen Fragen oder in Bereichen, wo die „Welt“ mehrheitlich anders denkt. Dies hat der Apostel Paulus nicht zuletzt auch im Hinblick auf das Schweigegebot für Frauen im Gottesdienst deutlich gemacht und gemahnt, dass derjenige, der dieses Gebot Christi nicht gelten lassen will, seinerseits nicht als Mitchrist anerkannt werden kann (1. Korinther 14,37-38). Darum ist es wichtig, sich darüber klar zu werden, was dieses Schweigegebot bedeutet und fordert.
Pfarrer i.R. Matthias Krieser
Das Beitragsbild ist KI-generiert, erstellt mit OpenAI ChatGPT Images / 4o Image Generation, Sprachmodell: GPT-5.5 Thinking.
